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Philippe Cabane, 47

Freischaffender Soziologe und Städteplaner
Projektentwickler und Coach des nt/Areal (Vereine keim und ViP), Basel (CH)

3.2.2007

Und wie war die Party gestern?

Gut, sehr gut. Ich war bis um 5 Uhr auf. Es waren alle Altersgruppen vertreten. Einfach Leute, die es gerne guthaben. Die Jungs von der Band gestern waren erst 17 Jahre alt. Normalerweise sind Jugendliche ausgeschlossen, weil sie wenig Geld ausgeben können und somit ökonomisch nicht interessant sind. Es war wirklich toll.

Ich habe in einem Interview gelesen, dass du im Kulturbereich zwischen den „pflegenden“ und „nicht pflegenden“ Menschen unterscheidest. Was bedeutet das?

Pflege bedeutet ja Kultur. Pflegende Menschen erhalten und bewahren, während nicht pflegende Menschen einen Ausschnitt nutzen, ohne sich um das Vorher und Nachher zu kümmern. Wir leben in einer Zeit, wo schnelles und unmittelbares Handeln nötig ist. Dies steht im Widerspruch zum traditionellen Verständnis des Pflegenden und Bewahrenden. Und weil wir nicht auf Kultur verzichten können oder wollen, müssen wir das auf Langfristigkeit ausgelegte Pflegen mit dem auf Unmittelbarkeit gerichteten Agieren unter einen Hut bringen. Wie also können wir bewahren und gleichzeitig mit den dynamischen Veränderungen Schritt halten? Wie können wir langfristiges Denken in kurzfristiges Handeln integrieren? Wie pflege ich das Unmittelbare oder Ephemere? Wenn ich heute von pflegenden Menschen spreche, so meine ich, dass sie ein weitsichtiges Denken pflegen und dennoch kurzfristig handeln. Sie pflegen mehr Grundsätze eines Handelns als materielle objekthafte Kulturgüter.

Eine wichtige Frage ist, welche Grundsätze eine Gesellschaft in Bezug auf Öffentlichkeit pflegt. Öffentlichkeit in der Stadt wird heute kaum mehr diskutiert. In den 70er Jahren noch ein grosses Thema in Stadtplanung, Architektur und Städtebau, wurde Öffentlichkeit seit den mediatisierenden 1990ern Jahren zum Schlagwort degradiert. Der geplante Erlenmattpark zum Beispiel wird von den Promotoren von Staat und Privatwirtschaft als öffentlicher Park deklariert und mit öffentlichen Mitteln finanziert und betrieben. In Tat und Wahrheit richtet sich das Vorhaben nur an einen kleinen Ausschnitt der Öffentlichkeit: nämlich jene, an die die neuen und nicht gerade preisgünstigen Wohnungen vermarktet werden sollen.

Öffentliche Räume laufen immer Gefahr, von bestimmten Gruppen in Beschlag und zu codiert zu werden. Auf dem Sonntagsmarktplatz zum Beispiel stehen zwei Basketballkörbe auf einem markierten Feld. Ein Geschenk des Kantons, weil er bei der Dreirosenanlage zu wenig Kapazität hatte. Mit dieser Codierung von Funktionen wird jeglicher Möglichkeitssinn ausgeschaltet. Der Platz ist definiert, bestimmt und territorialisiert durch eine Funktion! Aber sind es nicht gerade die noch offenen Möglichkeiten, die Neues und Verschiedenartiges zulassen können? Öffentlichkeit kann nur entstehen, wenn auch anders möglich ist. Plätze mit Anspruch auf Öffentlichkeit müssen unterschiedlichste Codierungen zulassen. Exemplarisch für diese Haltung sind die Velokuriere, die sich jeden Mittwoch zum Velopolo treffen. Sie basteln mit Rucksäcken zwei Tore, spielen Polo, trinken anschliessend ein Bier und packen alles wieder zusammen. Vorher und nachher sieht der Platz aus als würde das gar nicht passieren. Markiert wird nur für zwei Stunden. Öffentlichkeit teilt sich den Raum in Zeitabschnitte und nicht in Parzellen.

Lebst du von der Arbeit im nt/Areal?

Nein, keineswegs. Das Geld fliesst immer erst, wenn ein Projekt schon entwickelt ist.

Ich habe eine Forschungsstelle an der ETH Zürich und verschiedene Aufträge. Von den beiden Vereinen auf dem Areal habe ich ein kleines Mandat vor allem für die Begleitung und Entwicklung neuer Projekte. Ich will auch nicht vom Areal leben, um möglichst neutral und politisch unabhängig bleiben zu können. Für mich war das Projekt in erster Linie ein Experiment, mit dem ich zeigen wollte, dass städtische Identität vor allem von sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Aktivitäten und weniger von sogenannt identitätsstiftenden städtischen Architekturen abhängt. Für mich galt es dieses zu beweisen. Das haben die unzähligen aktiven Menschen auf dem Areal auch gezeigt. Den Beweis zu erbringen, ohne Subventionen einen öffentlichen Raum erschlossen und mit städtischem Leben erfüllt zu haben, ist mehr als nur ein gutes Gefühl. Es ist das Wissen um ein ganzes Instrumentarium, wie man öffentliche Flächen privat betreiben kann.

Welche Qualitäten vermisst du bei jungen Menschen?

Es gibt sehr wenige Menschen mit längerfristigen Horizonten, wenn es um Räume und Flächen geht. Viele Leute sind zwar engagiert, aber nur für ein paar Tage oder Wochen. Es braucht aber Menschen, die den Kontext pflegen, der dies möglich macht. In einer Kunsthalle erwartet man ja auch eine Infrastruktur, ein Kuratorium, ein Sekretariat, einen Hauswart und vieles andere. Ein Bauer kann sein Land auch nicht nur ab und zu pflegen, das wäre sein Untergang.

Warum werden denn solche Qualitäten immer rarer?

Es besteht ein Trend, immer mehr an die Institutionen zu delegieren. Verantwortung wird einem vom Staat oder von Versicherungen abgenommen. Eigene Verantwortung wird zwar übernommen, aber meist nur in einem fremdverantworteten Kontext und für die eigene Sache. Ich finde es wichtig, dass Menschen einen konkreten Bezug zu ihrer Umwelt und zum Prozess, indem sich diese befindet, herstellen können. Die Vereine ViP und keim versuchen dies, indem sie das nt/Areal nicht institutionell überformen, sondern die Institution mehr als Support und Motor für neue Entwicklungen brauchen. Der Ort lebt vor allem durch die dort aktiven Menschen, die Mitverantwortung übernehmen können und wollen!

Deine Aktivitäten klingen ziemlich anstrengend. Verlierst du nicht manchmal die Motivation?

Doch, sicher. In solchen Momenten bremse ich und versuche, weniger zu arbeiten. Es hängt ja nicht alles von mir ab. Ich schaue hier vor allem, dass eine gewisse Haltung der Freiheit bewahrt bleibt. Es macht mir aber schon Spass, immer wieder neue Projekte zu entwickeln und zu betreiben. Mir geht es um die Methodik, mit einem Ort umzugehen und nicht um die Realisierung eines Designobjekts Stadt. Die Frage ist, wie man mit Orten und Flächen umgeht und vor allem wie man sie mit den Menschen verknüpft. Hier im nt/arel bin ich schon viel zu lange und das eigentliche Ziel einer Projektentwicklung ist, mich selbst überflüssig zu machen. Ich bleibe aber noch, solange es Potenziale zum ausschöpfen gibt.

Trotz der geringen finanziellen Entschädigung?

Klar, wenn ich davon ausgehe, dass ich meinen Beruf nachgehe und nicht einem Job!

Was hältst du vom HyperWerk?

Die Ausbildung am HyperWerk empfinde ich sehr interessant und innovativ. Auf der einen Seite finde ich die Toolentwicklungskultur der Schule sehr wichtig und äusserst interessant. Auf der anderen Seite besteht eine Gefahr, sich zu stark im medialen Ereignis zu bewegen. Es kann ja nicht darum gehen, nette interaktive Tools zu entwickeln. Die Wirtschaftsorientierung der Schule finde ich gut, weil sie einen starken Bezug zur Realität hat. Aber auch diese kann zu einem verzerrten Bild führen, wenn Hochschulen vor allem im Bereich der Forschung mit der Privatwirtschaft oder dem Staat verhängt sind. Ich finde, dass das Verhältnis von Wissenschaft und Politik unbedingt reflektiert werden muss.

Welche Visionen oder Projekte hast du noch?

Mir ist es wichtig, das heutige staatliche Management von öffentlichen Räumen zu hinterfragen und die Rolle von Nichtregierungsorganisationen darin zu thematisieren. Das mit dem nt/Areal entwickelte Modell zeigt, dass dies weit preisgünstiger und effizienter möglich ist.

Ein zweiter Punkt ist die Entwicklung von Mikro-Ökonomie. Sie spielt eine entscheidende Rolle für das lokale städtische Umfeld. Wenn man Menschen an einer lokalen Ökonomie teilhaben, so werden sie sich mehr für ihre lokale städtische Umwelt interessieren und die Verantwortung dafür übernehmen. Ferner glaube ich, dass die Mikroökonomie die einzige Chance zur Bekämpfung von Armut sein kann. Der Wohlfahrtsstaat ist zu aufwändig und kompliziert. Sich über mikroökonomische Aktivitäten aus der Armut zu befreien, scheint mir sinnvoller als das heutige Modell einer «verwalteten» Armut, aus der die Betroffenen kaum herauskommen.

Mein drittes Interessensgebiet ist das Potenzial der älteren Generation von 65 bis 75. Diese Generation hat ein garantiertes Grundeinkommen und dazu ein Know-how, aus dem man einiges machen könnte. Ich habe mal von einem interessanten Beispiel in Deutschland gelesen. Es ging um die Renovation eines alten Hallenbads, die 3 Millionen Euro gekostet hätte. Da der Gemeinde das Geld fehlte, kratzten einige Rentner 500'000 Euro zusammen und renovierten das Hallenbad selbst. Sie betreiben es auch selber. Wenn ich dieses Thema aufbringe, sagen mir die Leute aber oft, solche Strategien wären für Entwicklungsländer geeignet und nicht für hier. Ich denke aber, dass es in Zukunft notwendig sein wird, sich darüber Gedanken zu machen. Die Globalisierung bringt sicher Reichtum in die Entwicklungsländer, aber sie wird auch Armut zu uns bringen. Das ist nicht schlimm, sondern gerecht! Aber wir müssen darauf vorbereitet sein und entsprechend auch daran arbeiten, neue und effektivere Strategien zu entwickeln.