SCREENLOUNGE AG, Vaduz (LI)
7.7.2007
Arbeitest du prozess- oder produktorientiert?
Wir arbeiten sehr prozessorientiert, da jedes Projekt und jeder Kunde eine eigene Aufgabenstellung mit sich bringt. Klar gibt es Dinge, die sich zum Teil wiederholen, aber grundsätzlich ist jeder Kunde eine neue Herausforderung für uns, so dass die Regeln eigentlich jedes Mal wieder neu erfunden werden müssen. Jedoch ist es auch bei den Websites so, dass es viele verschiedene Arten von Projekten gibt. Es gibt Websites, die etwas verkaufen möchten, es gibt die reinen Image-Sites und diejenigen, die Firmen helfen, Kosten zu sparen, indem gewisse Bereiche aufs Web ausgelagert werden.
Wie erklärt ihr den Kunden die gestalterischen Prozesse?
Wir versuchen, im Gespräch mit dem Kunden herauszufinden, was er will und daraus ergeben sich dann einzelne Meilensteine, die wir für den Kunden vereinfacht aufgliedern. Gerade weil im gestalterischen Bereich für Kunden viele Vorgänge abstrakt sind, ist es uns wichtig, sie zu erklären. So kann sich der Kunde besser mit dem Projekt identifizieren und negative Überraschungen können eher vermieden werden.
Was bedeutet es, auf einen Kunden einzugehen?
Es passiert relativ oft, dass ein Kunde beispielsweise einen Flyer will und im Gespräch stellt sich dann heraus, dass er in Wirklichkeit ein Erscheinungsbild braucht. Viele Kunden sagen auch, dass sie eine Website brauchen, aber sie wissen gar nicht so genau, wieso. Dann musst du zuerst mal rausfinden, was es für eine Firma oder für ein Produkt ist und wie man das Medium Internet für jene Situation am besten nutzen könnte. Ich habe das Gefühl, dass viele Webdesignfirmen ihre Vorlagen haben und da pflanzen sie dann ein Logo und ein paar Buttons ein und schlussendlich kommt eine Online-Broschüre heraus. Für uns geht es aber viel weiter, wir versuchen das Medium Internet optimal zu nutzen, weil es viele Optionen gibt, die mit anderen Medien gar nicht möglich sind.
Arbeitet ihr vermehrt mit neuen Technologien?
Bei uns ist es ein Mix zwischen neuen und alten Technologien. Wir sehen die sogenannten neuen Medien als Teil eines ganzen Firmenerscheinungsbilds und deshalb sollte sich eine Website gut in das bestehende Corporate Design einer Firma integrieren. Man sieht heutzutage immer noch oft, dass die Website sich gestalterisch von den restlichen Materialien absondert. Das Medium Internet wird leider oft noch als etwas Besonderes gehandelt. Für uns sind die Übergänge zwischen neuen und „alten“ Technologien fliessender.
Ist es nicht immer mehr so, dass jeder seine eigene Website erstellt?
Als in den frühen 90er Jahren Desktop Publishing aufgekommen ist und sich jeder einen Mac kaufen konnte, ging man plötzlich nicht mehr zum Grafiker, um Broschüren zu machen. Irgendwann hat man dann aber gemerkt, dass man trotz den Tools nicht versteht, was gutes Design ausmacht und dann wurde das Design plötzlich wieder den Grafikern überlassen. Bloss weil man einen Bleistift spitzen kann, kann man noch lange nicht zeichnen. Das stellen wir jetzt auch bei den Websites fest. Es war lange der Fall, dass jeder noch einen Cousin oder Bekannten hatte, der sich in Frontpage auskennt. Den Resultaten sieht man das dann meistens auch an. Mittlerweile ist der Trend jedoch eher so, dass man die Wichtigkeit einer professionellen Erscheinung erkannt hat und auch die Kreation von Websites einem Experten übergibt.
In welchen Momenten reicht es, per Mail zu kommunizieren und wann ist die persönliche Anwesenheit gefragt?
Das Medium Internet bietet an, dass man nicht mehr für jede Besprechung im gleichen Raum sitzen muss. Was Kunden anbelangt, ist es für mich jedoch wichtig, dass der erste Kontakt persönlich passiert. Ich möchte, dass man sich gegenseitig kennenlernt, und über das Internet oder Telefon gehen einfach gewisse Dinge wie Augenkontakt oder Gestik verloren. Klar wird Kommunikation durch Videotelefonie etc. um einiges erleichtert, aber im Moment ist es für uns schon wichtig, dass wir zumindest beim ersten Gespräch die Kunden persönlich kennenlernen. Wir laden sie dann auch gerne zu uns ein für das erste Meeting, damit sie unser Umfeld und unser Team kennenlernen. Sie sollen sich wohlfühlen bei uns. Ich finde es wichtig, dass eine Beziehung entsteht zwischen Kunde und Dienstleister.
Spielen die Räumlichkeiten eine Rolle?
Es ist eine professionelle Zusammenarbeit und die Leute sollen sich mit uns persönlich wohlfühlen und sie sollen natürlich auch an unseren Räumlichkeiten sehen, dass es ein kreatives Umfeld ist, dass hier Individuen arbeiten, dass vielleicht auch mal Kinderzeichnungen oder farbige Poster an der Wand hängen.
Was zeichnet deine Lieblingskunden aus?
Es gibt beispielsweise ein Kunde, der uns sehr viel kreativen Spielraum lässt. Wenn er ein neues Produkt benötigt, findet ein Gespräch über dessen Anforderungen und die wichtigen Aspekte statt, aber das ist eigentlich alles. Er lässt sich dann auch sehr von guten Vorschlägen begeistern. Das ist ein Idealfall, da so ein Umfeld geschaffen wird, das die besten Resultate liefert. Wir haben aber auch Kunden, wenn auch wenige, die dann das Gefühl haben, dass sie schon alles im Kopf haben und am liebsten alles selber machen würden. Sie bräuchten eigentlich auch keinen Grafiker, aber sie beherrschen die Tools nicht, um ihre Ideen umzusetzen. Solche Situationen sind immer recht schwierig, weil man das Gefühl hat, mit neuen Vorschlägen gegen eine Wand zu prallen und eigentlich gegen den Kunden zu arbeiten. Mit den allermeisten Kunden hingegen ist es wirklich ein miteinander arbeiten und so entstehen auch tolle Dinge, die auffallen und speziell sind.
Ist es also wichtig, dass der Kunde euch vertraut?
Ein Vertrauensverhältnis ist sicher einer wichtigsten Faktoren, die zu einem guten Resultat führen. Die Chemie muss einfach stimmen. Bei gewissen Kunden ist die Chemie einfach nicht da und dann haben wir auch nicht das Gefühl, dass wir den Kunden an uns binden müssen. Wir gehen immer davon aus, dass alles, was wir machen, schlussendlich dem Kunden gehört. Gewisse Agenturen machen es so, dass wenn sie beispielsweise ein Logo kreieren, danach noch jedes Mal Geld verlangen, wenn das Logo verwendet wird. Das ist eine andere Philosophie. Unsere Philosophie ist, dass wir versuchen, den Kunden kompetent zu beraten und kompetente Arbeit zu leisten und wenn er glücklich ist mit uns, bleibt er uns sowieso treu. Wenn er unglücklich ist, sehen wir keinen Grund, eine solche Beziehung künstlich hinauszuzögern.
Stand die Hoffnung auf finanzielle Gewinne bei der Firmengründung im Vordergrund?
Unsere Anfänge waren ein Versuch, etwas aufzubauen, an dem wir beide Spass haben und das etwas Eigenes ist. Das Geld stand sicher nicht im Vordergrund, weil wir sonst von Anfang an etwas anderes hätten machen müssen. Wir waren überzeugt, dass wenn wir selber Spass an der Arbeit haben, dass es dann irgendwann auch zum Erfolg der Arbeit führen wird. Man sieht und merkt einfach die Freude und den Enthusiasmus, der dahintersteckt.
Wie frei könnt ihr agieren, ohne die Firma zu gefährden?
Bei unserem Projekt handelt es sich um eine Firma. Das bedeutet, wir haben Angestellte und demnach auch Löhne und andere Fixkosten. Darum hat sich seit unseren Anfängen schon einiges verändert. Wir haben selbstverständlich immer noch Freude und sind stolz, etwas eigenes aufgebaut zu haben, aber mittlerweile hat man auch gewisse Verantwortung zu tragen. Unter dem Strich müssen Rechnungen bezahlt sein, und neue Jobs müssen aquiriert werden. Das sind dann die weniger erfreulichen Aspekte an der Arbeit, aber das gehört halt auch dazu. Wir nehmen uns jedoch trotzdem immer noch die Freiheit, gewisse Aufträge abzulehnen oder bei anderen Aufträgen vielleicht mal etwas mehr Zeit zu verwenden, als es das Budget vorgesehen hätte.
Wie fühlt ihr euch in dieser eher kleinen Struktur?
Zuerst wollten wir gar keine Angestellten, weil wir uns als kleine Firma extrem wohl gefühlt haben. Wir konnten uns dann Projektteams mit den idealen externen Partnern zusammenstellen, was eigentlich ein Luxus ist, den man in einer grösseren Agentur vielleicht weniger hat. Mittlerweile sind wir ein wenig gewachsen, wir sind sechs Leute. Trotzdem ist die Stimmung immer noch recht familiär, was mir wichtig ist. Ich habe das Gefühl, dass bei einem grösseren Team ein Teil von dem, was Screenlounge ausmacht, verloren gehen könnte. Bei uns ist es halt so, dass ein Kunde reinkommt, sich wohlfühlen und das Team kennenlernen kann. Wir möchten auf keinen Fall ein Agenturfeeling aufkommen lassen, wo gewisse Teams für einen Kunden zuständig sind und er die anderen Leute gar nie kennenlernt. Irgendwie gefällt es mir schon, dass wir immer noch relativ klein sind und innerhalb der Firma ein gutes Verhältnis haben. Es ist eigentlich wie eine kleine Familie. Ich glaube, auch für unsere Angestellten ist es eine schöne Situation, so zu arbeiten, weil man selber noch einen Unterschied machen kann. Man kann etwas verändern und es fällt auf, wenn jemand eine besonders gute Idee hat. In einer grossen Firma ist man halt eher ein kleines Rädchen. Klar kann man aufsteigen, hat Mitarbeitergespräche und wird benotet, aber es ist ein anderes Gefühl.
Geniesst du es, selbstständig zu sein?
Sicher gibt es bei der Selbständigkeit Vor- und Nachteile, wobei für mich die Vorteile ganz klar überwiegen. Man trägt zwar im Gegensatz zum Angestellenverhältnis viel mehr Verantwortung und kann sich abends vielleicht etwas weniger vom Job distanzieren, aber man hat wiederum auch viel mehr Freiheiten und kann sich den Arbeitstag viel individueller einteilen. Klar arbeite ich als Selbstständiger viel mehr als zuvor. Einen 8 Stunden Tag kann ich mir heute gar nicht mehr vorstellen. Ich geniesse die Freiheit, auch mal Entscheidungen fällen zu können, die in einer grossen Firma vielleicht nicht so populär wären.
Gehen dir eigentlich nie die Ideen aus?
Ich hatte früher oft Angst davor, aber bisher kamen mir immer Ideen und manchmal hat man sogar unter Druck noch die besseren Einfälle. Wenn man mal eine „Ideenflaute“ hat, ist es hilfreich, im Team brainstormen zu können. So man kann sich zusammen raufschaukeln und kommt im Kollektiv manchmal auf bessere Ideen als alleine. Dabei ist es wiederum recht wichtig, Leute zu haben, zu denen man kompatibel ist und die auf einer ähnlichen Wellenlänge sind.
Wie kann man kreativ bleiben?
Ich versuche, Trends zu beobachten und diese dann auf irgendeine Art und Weise weiterzuverwerten. Dabei ist das Internet natürlich eine grosse Hilfe. Ich lasse mich aber auch gerne von der Popkultur beeinflussen. Oft hilft es auch, sich zu zwingen, einen Schritt weiter zu gehen, um die Ecke zu denken. Im Team ist Brainstorming eine gute Methode, auf unkonventionelle Ideen zu stossen. Wenn ich mal wirklich nicht weiter komme, muss ich ein Projekt auch mal zur Seite legen und an etwas anderem arbeiten oder mal schnell ein Game spielen oder mich sonst irgendwie ablenken, um auf andere Gedanken zu kommen.
Inwiefern könnt ihr nachhaltig agieren?
Wir versuchen, ehrlich mit dem Kunden zu sein. Ihn gut zu beraten, und dies zu fairen Preisen anbieten zu können. Dadurch entsteht im Idealfall eine längerfristige Beziehung, was für uns interessanter ist, als einfach die schnelle Kohle abzusahnen. Wir sind uns auch bewusst, dass Redesigns von Firmenerscheinungsbildern mit hohen Kosten für den Kunden verbunden sind, da meistens jedes Logo, jede Tafel, etc. ausgewechselt werden muss. Deshalb ist es immer unser Ziel, nachhaltiges Design zu entwickeln, mit welchem sich der Kunde für möglichst lange Zeit identifizieren kann. Dies steht natürlich im Kontrast zu kurzfristigeren Designs, wie z.B. für Flyer oder Broschüren, in welchen wir eher auf einer trendigeren Schiene fahren und auch etwas experimentieren können. Wir achten auch darauf, vor allem bei grösseren Druckauflagen den Kunden FSC zertifiziertes Papier und Drucktechniken zu empfehlen. Dieses Papier stammt aus Wäldern, die nachgeforstet werden und der Druckprozess findet ohne giftigen Chemikalien statt.
Wie ist die Firma entstanden?
Mein jetziger Geschäftspartner hatte sich vor ca. sechs Jahren von seinem damaligen Partner getrennt und ich bin fast gleichzeitig nach sieben Jahren Auslandaufenthalt gerade wieder nach Liechtenstein gezogen. Wir trafen uns damals zufällig und beschlossen nach einigen Gesprächen, zusammen eine neue Firma zu gründen. Der Anfang war natürlich relativ schwierig, da unsere Firma noch völlig unbekannt war. Aber in Liechtenstein hat man wiederum den Vorteil, dass der Markt sehr überschaubar ist, und dass sich gute Erfahrungen schnell herumsprechen. So fand sich dann recht schnell genug Arbeit, aber wir haben Anfangs praktisch die ganzen Einnahmen wieder ins Inventar gesteckt. Damals hatten wir bloss zwei Zimmer, mittlerweile haben wir das gesamte Stockwerk übernommen. Auch die vorsintflutlichen Computer mussten relativ bald mal ersetzt werden. Zudem arbeiteten wir fast ein Jahr lang ohne Lohn. Das kann man wirklich nur machen, wenn man viel Freude hat und sieht, dass es irgendwohin geht. Wenn man einen Plan hat, der zu funktionieren scheint.
War es wichtig, eine konsequente Haltung zu haben?
Ganz am Anfang war es wichtig, sich einen Ruf aufzubauen. Die Vorteile, die man in einem kleinen Land hat, können auch schnell wieder zu Nachteilen werden. Wenn man am Anfang jedes Projekt angenommen hätte, wären wir sehr schnell als diejenigen bekannt geworden, die schnell und billig etwas machen und das wollten wir auf jeden Fall vermeiden, weil uns das auch kein Spass gemacht hätte. Wir lehnten deshalb am Anfang viele Aufträge ab und längerfristig war das eine sehr gute Entscheidung, weil wir inzwischen schon einen guten Ruf haben und auch Produkte produzieren, die noch einen Schritt weitergehen als es der Kunde eigentlich erwartet hätte. Es war wichtig, diese Prinzipien nicht zu ändern, auch am Anfang, als es uns finanziell nicht so gut ging.
Was bedeutet Ästhetik für dich?
Da unsere Kunden und deren Projekte/Produkte ziemlich unterschiedlich sind, muss unser Design recht wandelbar und auf den zu kommunizierenden Inhalt angepasst sein. Das heisst, die optimale Kommunikation einer Botschaft ist wichtiger als einen bestimmten "Screenlounge-Stil" durchzuboxen. Wir versuchen jedoch trotzdem, bei jedem Projekt einen Schritt weiter zu gehen als nötig wäre. So entstehen im Idealfall Resultate, auf die wir auch in der Zukunft noch stolz sind. Man sieht seine eigenen Kreationen ja meistens immer wieder in der Öffentlichkeit, und da würde es mich selbst extrem stören, nicht alles gegeben zu haben. Ich glaube, dass unsere Ästhetik sich eher durch kontinuierliche Innovation und Qualität auszeichnet, wobei "Qualität" auch wieder ein extrem breiter und zu oft missbrauchter Begriff ist. Zum Beispiel hat mir der Vorsteher der Gemeinde Balzers kürzlich erzählt, dass er das neue, von uns gestaltete Gemeindemagazin einer Bekannten gezeigt habe. Diese habe es angeschaut und gesagt, dass es ihr extrem gut gefalle, und dass da sicher die Screenlounge dahinter stecke. Solche Episoden sind dann für mich schon eine Bestätigung für den etwas höheren Aufwand, den wir betreiben. Die Ästhetik meiner eigenen Arbeit ist selbstverständlich von vielen Seiten beeinflusst. Das Internet ist zum Beispiel eine extrem gute Ideenquelle. Aber es ist mir auch wichtig, aktuelle Popkultur wahrzunehmen und zu verarbeiten. Wenn man mit etwas offenen Augen durch die Welt geht, entdeckt man so Trends meistens Jahre vor anderen, traditionelleren Designern. Es wäre natürlich ideal, wenn sich alle Mitarbeiter/innen ähnlich über aktuelle Trends informieren würden, jedoch kann man dazu niemanden zwingen, es muss von einem selbst ausgehen. Manche Leute machen dies automatisch, auch in ihrer Freizeit. Diese leben Design und nehmen Trends automatisch wahr. Für andere jedoch ist Gestaltung einfach ein Job wie jeder andere, der täglich um 17:30 beendet ist. Darum ist der Einfluss der Art Directors dann umso wichtiger, um die visuelle und konzeptionelle Qualität der Projekte zu steuern und eben diese kontinuierliche Innovation zu gewährleisten.