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Anna Hilti, 27

Illustratorin/ Künstlerin/ Organisatorin
Leiterin des Modeprojekts "Satan takes a holiday", Schaan (LI)

27.1.2007

Wie entstand die Idee für das Projekt “Satan takes a holiday”?

Der Verein Schichtwechsel fragte mich an, eine Ausstellung zu organisieren. Ich hatte Carte Blanche, musste aber alles selbst organisieren. Vom Raum bis zur Vernissage, einfach alles. Das Budget war CHF 8000. Ich wurde als Projektleiterin angefragt, hätte also auch andere Künstler/innen einladen und ihnen einen angemessenen Raum suchen können. Ich wollte aber lieber selber etwas machen, allerdings mit Freunden zusammen.

Nach ungefähr 5 Monaten entstand die Idee eines Modeprojekts, das mit der Neugestaltung von alten Kleidern zu tun hatte, die uns die Leute aus Liechtenstein bringen sollten. Also auf jeden Fall eine prozesshafte Ausstellung. Ich hatte schon Erfahrungen mit Modeprojekten, jedoch waren diese bis zu diesem Zeitpunkt immer nur Teil anderer Events oder Ausstellung gewesen. Hier sollten die Kleider die Hauptsache sein.

Warum habt ihr mit alten Kleidern und nicht mit Stoffen gearbeitet?

Wir machen das ja schon seit ca. 5 Jahren in verschiedenen Kollektiven und Ländern. Enstanden ist das so: Während meiner Studienzeit in Luzern hatten wir einen Keller, in den wir eine Bar eingebaut haben und eine zeitlang regelmässigen Betrieb hatten. Darin wollten wir eine Modeschau machen. Also mussten wir Kleider nähen. Und so haben ca. 5 Leute, die alle keine Schneider-oder Modeausbildung hatten, begonnen zu nähen. Es ist einfach passiert. Wir haben altes Material gesucht, das waren dann meist alte Kleider, Vorhänge, etc. und daraus eine Kollektion kreiert.

Der Witz ist ja, dass man oft gar nicht daran denkt, dass man aus Altem Neues machen könnte, vorallem in einer Hardcore-Wohlstandgesellschaft wie hier in Liechtenstein. Die Leute geben ja auch Kleider in sehr gutem Zustand einfach weg und das sagt viel über uns aus. Es war jedoch nicht der Hauptfokus des Projekts, Kleider zu recyclen.

Was war denn der Hauptfokus?

Wir wollten ein Projekt machen, das sich auf den Standort bezieht. Und es sollte die Leute berühren und sie sollten selbst mitwirken können. Das haben wir einerseits erreicht, indem wir die Kleider der Leute von hier als Rohmaterial genommen haben. So entstanden auch viele Kontakte zu den Leuten. Die waren natürlich gespannt, was daraus entstehen würde. Es gab auch solche, die sich gleich selbst hinter die Nähmaschine gesetzt haben. Dann haben wir auch “Geschichten” in die Kleider eingenäht. Erlebtes, Gesehenes, Gehörtes, etc. Ausserdem gab es regelmässigen Barbetrieb mit speziellen Acts. Viele Leute haben uns gesagt, dass wir das Dorfbild verändert haben, weil plötzlich eine Traube Leute mitten in der Nacht vor dem Salon Liz standen oder auch am Tag Leute dort ein- und ausgingen. Schaan hat sonst nicht gerade ein urbanes Flair.

Wie habt ihr passende Räumlichkeiten für das Projekt gefunden?

Uns war es wichtig, unser Modeprojekt nicht in einer Galerie, sondern in einem Ladenlokal durchzuziehen. Es sollte ja nicht nur für Kunstleute und Intellektuelle sein. Es ging uns darum, Kunst einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Wir hatten dann sehr viel Glück und fanden den ehemaligen Friseursalon “Salon Liz”, der einige Monate später abgebrochen wurde. Da das Gebäude der Gemeinde gehörte, bekamen wir es gratis, konnten damit tun, was wir wollten und hatten erst noch viel mehr Platz als ursprünglich erhofft. So hatten wir nicht nur den gesuchten Laden, sondern auch ein Atelier.

Wie hast du die Mitarbeiter/innen ausgesucht?

Ich habe sowohl mit Stef als auch mit Anita schon zusammengearbeitet. Stef ist eigentlich Publizistin und Umweltwissenschaftlerin, aber ich finde es immer spannend, wie Leute an die Sache herangehen, die keine Vorbildung haben. Ausserdem ist sie einfach eine gute Person und sie ist aus Liechtenstein. Ich finde es schön, an diesem Ort Projekte mit Leuten von hier zu machen. Und Anita passte gut dazu, die Chemie stimmte einfach zwischen uns drei.

Wes ist ein Freund aus Holland, den wir durch unsere Ausstellung in Rotterdam kannten. Eigentlich wollte er nur auf Besuch kommen, verlängerte dann jedoch seinen Aufenthalt und wurde Teil des Teams. Wir konnten auf solche Situationen sehr spontan reagieren, weil wir nicht vorher schon alles festgelegt hatten. Er hat sehr viel Positives zum Projekt beigetragen und für Diskussionen im ganzen Land gesorgt wegen seiner Fakirshows.

Hattest du keine Angst, dass ein so offenes und nicht sehr traditionelles Ausstellungskonzept auf Kritik stossen würde?

Ich sah die Möglichkeit, dass das Projekt in Liechtenstein nicht im Kunstzusammenhang akzeptiert werden würde. Dies war jedoch überhaupt nicht der Fall. Es war einfach was es war und gut so.

Auffallend war, dass man zwischen den Kleidern Hirschgeweihe und heilige Marias hervorspähten. Welche Aussage wolltet ihr damit machen?

Wir hatten uns vorgenommen, auf Liechtenstein einzugehen und bei unseren Grosseltern hängen oft solche Dinge rum. Stefs Grossvater war ja sogar Jäger und hat uns die meisten Geweihe ausgeliehen. Sie stehen vielleicht für eher traditionelle und eher konservative Werte, jedoch macht sie das umso interessanter. Denn das ist ein Bestandteil unserer Kultur und es ist spannend zu sehen wie sie im Zusammenhang mit unserern Kreationen wirken, die ja auch ein Bestandteil unserer Kultur sind.

Was musstet ihr mit euerem Budget alles bezahlen?

CHF 300 gingen schon mal an den Website-Gestalter des Vereins Schichtwechsel, den Rest konnten wir selbst verwenden. Wir konnten damit alles Material, einen Teil der Lebensunterhaltskosten und kleine Löhne abdecken. Dies ging auch nur, weil wir sehr sparsam lebten und uns zu viert eine 3-Zimmerwohnung teilten. Anderen Leuten wie beispielsweise den DJs gaben wir symbolische Beträge, sie hätten es aber auch einfach so gemacht. Wir verdienten dann noch zusätzlich etwas mit dem Verkauf der Kleider. Im ganzen arbeiteten wir etwa zwei Monate, von dem her stand das Geld in keinem Verhältnis. Aber ich würde es jederzeit wiedermachen, es waren 2 wunderbare Monate.

War Öffentlichkeitsarbeit wichtig?

Wir haben Flyer gemacht, einen Webblog aufgesetzt, Mails sowie SMS verschickt und kamen regelmässig in der Zeitungen. Eine wichtige Werbestrategie waren jedoch unsere nächtlichen Touren durch die Baren und die Mund zu Mund Propaganda. Da konnten wir den Leuten das Projekt erklären und mit ihnen darüber diskutieren, was dann auch zur Folge hatte, dass viele Leute neugierig wurden und tatsächlich kamen.

Wir involvierten ausserdem viele Leute in den Prozess. Einige (z.B. auch ein junges Mädchen) halfen beim Kleidernähen, während andere als lebendige Schaufensterpuppen, Models oder Djs agierten. Da wurden ganz erstaunliche Talente enthüllt. Alle diese Leute brachten dann natürlich ihre Verwandten und Bekannten mit, so dass die unterschiedlichsten Generationen anwesend waren.

Ausserdem gab es Aktionen, Performances und Auftritte, was das ganze interessanter machte. So ca. einmal pro Woche. Es waren kleine, aber feine Abende.

Denkst du, dass das Projekt auf die aktuellen gesellschaftlichen Veränderungen in einer innovativen Art reagierte?

Im Projekt steckte viel Liebe und Persönlichkeit. Ich glaube, in der heutigen Zeit ist dies sehr wichtig und gefragt. Ein Ort wird somit einmalig und unverwechselbar. Aus diesem Grund ist auch der lokale Bezug etwas wichtiges. Seit man überall in der Welt zu den gleichen Informationen kommen kann, erhalten die lokalen Besonderheiten wieder einen neuen Wert.

Ich denke auch, wir haben Kunst auf unterhaltsame Weise präsentiert, so dass auch viele normalerweise weniger Kunstinteressierte sich bei uns wohlfühlten. Das ist für mich persönlich ein wichtiger Aspekt. Ich weiss jetzt nicht, ob das auch eine Reaktion auf gesellschaftliche Veränderungen ist. Wenn man annimmt, dass die Leute heutzutage den schnellen Zugang gewohnt sind, könnte man dies als Reaktion darauf betrachten. Die Qualität der Kunst soll jedoch gleich bleiben.

Für Liechtenstein war natürlich auch die Zwischennutzung eines Gebäudes eher ein ungewöhnlicher Aspekt und lustigerweise fanden nach unserem Projekt noch andere Events in denselben Räumlichkeiten statt. Von dem her haben wir sicher etwas ausgelöst.

Was mich persönlich auch noch freut, ist, dass wir plötzlich zahlreiche männliche Gastschneider hatten. Junge Männer, die zu uns kamen, und für die Ausstellung oder sich selbst etwas genäht haben.

War der Standort gut gewählt?

Das gute in Liechtenstein ist, dass man die Leute kennt und so kamen wir auch ziemlich schnell zu Unmengen von Kleidern. Ausserdem hat man bei uns noch nie etwas in dieser Art gesehen. Das erweckte natürlich die Neugier. Andererseits hätte man in einem Stadtlokal oder einer richtigen Galerie vielleicht eine Stammkundschaft gehabt und uns gar nicht um die Gäste bemühen zu brauchen. Ich denke, man kann aus jedem Standort etwas machen, wichtig ist, dass man auf den Standort reagiert.

Hattet ihr auch ausländische Gastkünstler?

Wir haben für dieses Projekt nicht viele Leute aus dem Ausland eingeladen, da wir uns einerseits auf den Ort hier konzentrieren wollten und andererseits nicht zu viele Events vorausplanen wollten. Die Kleider waren unser Hauptanliegen und alles andere wollten wir im Moment entscheiden. Wenn jemand eine gute Idee hatte oder wir neu entdeckten Talenten eine Plattform bieten wollten, sollte das spontan möglich sein. Deshalb haben wir bewusst das Angebot einer Rotterdamer Band, die bei uns spielen wollte, ausgeschlagen. Die DJs, Models und Musiker waren aus Liechtenstein und nur die Performancegruppe “Queens of Evil”, der “Live Typo”-Künstler Andy Storchenegger und natürlich der Fakir Wes reisten aus dem Ausland an.

Habt ihr denn die Performances und Partys gar nicht geplant?

Doch, die Vernissage und die Finissage war geplant, jedoch dazwischen liessen wir alles offen. Es ergaben sich dann zwei weitere Events. Das erste war “Schmetta meets Salon Liz”, da haben wir uns mit den Pfadfindern aus Schaan verbündet. Sie haben den DJ und das Barteam gestellt. Das zweite mal war ein Abend mit den Musikern von “Club Saboteur”, die speziell dafür eine Performance mit Wes einstudiert haben. Die Jungs kannten wir vorher gar nicht.

Es hat aber sicher eine grosse Rolle gespielt, dass wir so vieles offenliessen. Ich denke auch, dass die Partys so gut liefen, weil sie nicht geplant waren.

Kamen Technologien zum Einsatz?

Es war schon praktisch, dass wir die Fotos und Filme sofort zeigen, aufhängen oder aufs Netz stellen konnten. Einerseits schauen sich die Leute natürlich gerne selbst an und andererseits ist eine Projektdokumentation sehr wichtig. Wir hatten das aber nicht gross organisiert, jedoch hatten viele Leute Kameras dabei und so entstanden jede Menge Fotos und Filme. Das wäre ohne digitale Medien gar nicht möglich gewesen.

Wie wurde das Projekt von der Öffentlichkeit wahrgenommen?

Die Zeitungen in Liechtenstein berichteten sehr positiv, was hier sehr wichtig ist, da jede/r die Zeitungen liest. Auch sonst waren die Reaktionen durchs Band positiv und die wenigen negativen Kommentare kamen vor allem von Leuten, die uns gar nie besucht hatten. Oder von älteren Leuten, weil “Satan” im Titel vorkommt. Wir bekamen öfters Kommentare wie “Ah, ihr seid diese verrückten Weiber!” zu hören, was jedoch meist nicht bösartig gemeint war. Es wurde also offensichtlich darüber gesprochen.

Denkst du, dass das Projekt etwas bewegt hat?

Das ist schwer zu sagen, aber es war etwas, was es bei uns sonst definitiv nicht gibt. Ich hoffe dass es einen Antrieb gegeben hat, dass noch viel mehr in dieser Art passieren wird. Vielleicht hat es ein paar Leuten, die sich sonst nicht für Kunst interessieren, einen Bezug gegeben oder zumindest eine Toleranz für Kunst geschaffen.

Es sind die unterschiedlichsten Leute aufeinandergetroffen, was normalerweise in der Kunstwelt nicht unbedingt der Fall ist. Was ich aber extrem wichtig finde.

Der Salon Liz war ein Ort, wo gelebt, gearbeitet und gefeiert wurde. Ohne dass man zwischen den einzelnen Dingen überhaupt einen Unterschied feststellen konnte. Es floss alles ineinander und wurde zu einem Gesamtkunstwerk. Und das Schöne war, dass jeder Teil davon werden konnte.

Warum haben deiner Meinung nach Kulturinstitutionen wie Museen solche Mühe damit, junge Leute anzuziehen?

Eine frische Ausstellung zieht auch junges Publikum an. Jedoch ist es schwierig, Publikum anzuziehen, das überhaupt keinen Bezug zur Kunst hat. Das könnte ein Museum erreichen, indem es die Leute mit anderen Mitteln ins Museum lockt. Z.B. indem sie Leute einladen, die “im Untergrund” interessante Events organisieren und mit ihnen zusammenarbeiten. Diese könnten dann vielleicht leichter ein neues Publikum anlocken.

Wie empfandest du persönlich die Projektzeit?

Ich lebte in jenen Wochen völlig in der Projektwelt, es war mit der Zeit wie ein Rollenspiel. Wir gingen ja auch mit unseren selbstgenähten Kleidern in den Ausgang und arbeiteten praktisch Tag und Nacht. Mit der Zeit identifizierten sich auch andere Leute mit dem Projekt und zogen sich inmitten der Partys unsere Kleider an, so dass man beispielsweise ein jungen Mann im Hochzeitskleid antraf, ohne sich gross zu wundern.

Euer Projekt hatte einen grossen Erfolg, warum?

Wie vorher schon erwähnt, glaube ich, dass die Liebe zum Detail sehr wichtig ist. Wes beispielsweise hat an einem Abend eine Hoodoo hoodoo-Bar aufgebaut. Wenn man bei ihm ein Drink kaufte, bekam man ausserdem einen unglaublich guten, selbstgebackenen Kuchen, eine Zigarre, einen Hauch billiges Parfum und einen guten Wunsch. Sobald er dann soviel Geld eingenommen hatte, um alle Kosten seiner Spezialitäten zu decknn, gab er alles was noch übrig war gratis. Es war nicht das Ziel, etwas zu verdienen, sondern den Gästen ein besonderes Erlebnis zu bieten und dabei selbst viel Spass zu haben. Wir hätten zum Beispiel auch nicht so einen Aufwand betreiben müssen, um das Schaufenster zu bemalen, aber der Aufwand rechtfertigte sich auf jeden Fall. Es sah sehr ungewohnt aus, als die Hälfte der Leute im beleuchteten Inneren und die andere vor dem Salon Liz standen, sassen oder tanzten. Das hat das Dorfbild richtig lebendig gemacht.

Wir haben auch mit jedem Besucher gesprochen oder ihnen zum Teil auch unser Atelier gezeigt. Ich denke, dass das speziell bei einem aussergewöhnlichen Ereignis in einem kleinen Dorf wichtig ist. Eine Frau fragte uns, mit welcher Technik wir eine bestimmte Stelle auf einem T’shirt genäht hatten, aber das wussten wir natürlich auch nicht, da wir keine professionelle Ahnung vom Nähen haben. Wir konnten nicht auf alles eine Antwort geben, aber der persönliche Kontakt ist sehr wichtig.

Mit “Satan takes a holiday” machten wir ein Projekt für eine breite Palette von Leuten. Es waren auch Künstler da und die Mehrheit der Leute kam sicher aus der alternativen Szene, aber alles in allem war es ein buntes Gemisch von Leuten und von kleinen Kindern über Grosseltern waren alle vertreten und viele davon wirkten in irgendeiner Weise mit und fühlten sich als Bestandteil des Projekts.

Glaubst du, dass es Dinge gibt, welche in jedem Projekt beachtet werden müssten?

Nein, eigentlich nicht. Es sind alles Spezialfälle. Für mich persönlich war es vorallem die Liebe zum Detail, die dem Projekt seinen Charme verlieh, welcher eine Kommerzbude in den meisten Fällen fehlt. Einen persönlichen Touch muss es haben. Das kann aber auch der Barmann sein, der seiner Bar Persönlichkeit verleiht.

Ansonsten denke ich, Erfahrung ist wichtig. Man kann sich verbessern, mehr in die Richtung gehen, in die man will. Man kann auch perfekt werden, falls man das will. Ich hüte mich jedoch davor. Ich versuche jedesmal einen neuen Aspekt reinzubringen, damit’s spannend bleibt. So passieren auch jedesmal wieder Pannen, aber ich sehe das meist positiv und lerne daraus. Manchmal kriegt man die besten Ideen durch Pannen.