Main Contents

Sternschnuppen

Ein permanentes Beobachten und Forschen ist die einzige Möglichkeit, Veränderungen in der Gesellschaft zu entdecken, denn diese sind schwer vorhersehbar und fallen oft wie Sternschnuppen vom Himmel. Je mehr Erfahrung und theoretisches Hintergrundwissen jemand hat, desto grösser ist die Chance, solche Verschiebungen einordnen und die daraus entstehenden Gestaltungspotenziale erkennen zu können.





Forschergeist

Viele Menschen suchen nach neuen Potenzialen für die Gestaltung von Prozessen, weil sie neugierig sind und sich persönlich weiterentwickeln möchten. Es gibt jedoch auch Menschen, welche forschen, weil sie es als ihre Verantwortung sehen, sich mit den aktuellen Veränderungen zu befassen oder weil sie die wirtschaftliche Situation zur Schaffung von Überlebensmöglichkeiten zwingt.

Martin Lötscher beschreibt, wie die Inhalte des soDA Magazins zustande kommen: «Wie die Ideen für ein Heft entstehen, hat viel damit zu tun, dass ich einerseits neugierig und andererseits sehr sprunghaft bin. Ich bin kein introvertierter Denker, der versucht, alles bis ins Hundertste oder Tausendste zu analysieren. Ich habe so viele und so vielfältige Interessen, dass ich eigentlich fast zu jedem Thema einen Bezug entwickeln kann. Ich versuche fast manisch, viele Quellen und Informationen aufzunehmen. Das ist vielleicht nicht sehr gesund, aber es ist sicher ein elementarer Grund, warum die Hefte doch sehr subversive und untergründige Verdichtungen von dem enthalten, was gerade passiert oder passieren könnte.» Dass nicht jeder einen solchen Forschergeist besitzt, hat Mario Frick in seinem Grafikbüro Screenlounge beobachtet: «Es wäre natürlich ideal, wenn sich alle Mitarbeiter/innen ähnlich über aktuelle Trends informieren würden, jedoch kann man niemanden dazu zwingen. Es muss von einem selbst ausgehen. Manche Leute machen dies automatisch, auch in ihrer Freizeit. Diese leben Design und nehmen Trends automatisch wahr. Für andere jedoch ist Gestaltung einfach ein Job wie jeder andere, der täglich um 17:30 beendet ist.» Timon Christen freut sich, in einem Zeitalter der Umbrüche zu leben: «Veränderungen sind die Voraussetzung dafür, dass man leben, arbeiten und sich weiterentwickeln kann.» Die Entwicklung der Technologien hat unser Alltagsleben beispielsweise grundlegend verändert. Sich nicht mit ihnen zu befassen, findet Mischa Schaub unrealistisch, denn schliesslich sind «wir längst in einem Abhängigkeitszustand von Technologie, der unseren Denk- und Handlungsraum drastisch verändert hat. Auch wenn man nichts mit ihr zu tun haben will, ist man der Massenernährung und dem Gesamtdruck der Menschheit ausgesetzt. Von dem her ist das Ausstiegskonzept einfach egoistisch und löst nicht viel.» Mischa Schaub ist sich bewusst, dass nicht jeder die Fähigkeit hat, sich mit solchen Phänomenen auseinanderzusetzen und versucht, am Institut HyperWerk junge Menschen dazu auszubilden, «kreativ auf unbekannte und erschreckende Umstände zu reagieren und interdisziplinäre Teams zusammenzustellen, um möglichst sinnvoll agieren zu können.»

Forschen ist für Künstler/innen nicht nur eine Horizonterweiterung, sondern auch eine Notwendigkeit, um konkurrenzfähig zu bleiben, meint Beat von Wartburg, Leiter der Abteilung Kultur der Christoph Merian Stiftung: «Ein Künstler muss forschen und immer Neues bringen. Wer das nicht macht, wird sofort von jüngeren Tendenzen und jüngeren Künstlern überholt.» Im heutigen Zeitalter der Umbrüche trifft diese Aussage jedoch nicht nur auf Künstler zu. Klaus Overmeyer, Co-Initiator und Koordinator des Forschungsprojekts Urban Catalyst, beobachtet, dass die Menschen heute zunehmend auf die neuen Möglichkeiten der virtuellen und physischen Mobilität angewiesen sind: «Die virtuelle Mobilität schlägt sich gerade in einer räumlichen Mobilität und Flexibilität nieder. In Berlin zeigt sich die Notwendigkeit des Reisens aufgrund der schlechten wirtschaftlichen Lage umso mehr.» Klaus Overmeyer vermutet, dass herumreisende Leute erfolgreicher sind: «Wahrscheinlich gibt es mittlerweise einen Travel-Index. Wenn jemand viel unterwegs ist, kann er sich halbwegs über Wasser halten.» In der Schweiz sieht es mit der Notwendigkeit der physischen Mobilität noch anders aus. Martin Lötscher: «Unsere übersättigte erste Welt hat verfettete Strukturen entwickelt und das macht die Leute teilweise sehr langsam. Ich glaube, dass sich mit der Zeit alles selber organisiert, weil der Druck seitens der Leute, die nichts haben, immer grösser wird. Dank dem Internet gibt es tausende von Möglichkeiten, sich für einen Auftrag zu bewerben. Dort ist dann halt der Amerikaner, der 1000 Dollar kostet, dem Inder, der 380 Dollar kostet, unterlegen. Und ein Jahr später verdient der Afrikaner für 120 Dollar immer noch genug, um zu leben. So strukturieren sich Dinge automatisch neu. Wenn es jemanden gibt, der einem viel Geld für etwas bezahlt, dann ist das sicher toll, aber ich habe nicht das Gefühl, dass es in zwanzig Jahren immer noch Standard ist, für alle Jobs viel Geld zu bekommen.»


Veränderungen lesen

Genauso wie es unmöglich ist, ohne astronomische Kenntnisse einen neuen Stern am Himmel zu entdecken, sind Veränderungen bedeutungslos, wenn der Erfahrungshintergrund fehlt, um sie erkennen und einordnen zu können.

Thomas Soraperra, Kaufmännischer Leiter des Kunstmuseums Liechtenstein, erklärt, warum ein theoretischer Hintergrund in der heutigen Welt wichtig ist: «Ich habe die Erfahrung gemacht, dass mir eine theoretische Basis am meisten genützt hat, weil man die Praxis ohnehin in der Praxis lernt. Ausserdem ändert sich die Praxis ständig und da muss man sowieso immer up to date bleiben. Wichtig ist, ein Grundanalyse-Instrumentarium zu haben, um Veränderungen in der Gesellschaft lesen zu können. Es braucht ein gewisses Einfühlungsvermögen und einen theoretischen Hintergrund, um zu wissen, dass man in Liechtenstein nicht die gleichen Dinge machen kann wie in Wien. Ich bin ja ein strenger Verfechter von Philosophiestudien und anderen Studien. Wenn ich kaufmännischer Leiter bin, muss ich wissen, wie Abrechnungen funktionieren etc., aber ich finde es wichtig, dass man auch andere Qualifikationen hat.» Martina Nadansky versucht, Kindern mittels Architekturvermittlungsworkshops eine theoretische Basis weiterzugeben, welche ihnen erlaubt, von ihrem Lebensraum ausgehend vielschichtige Verknüpfungen zu anderen Lebensbereichen herzustellen. Sie erklärt: «Ich denke, dass Architekturvermittlung nicht wichtig ist, weil wir bessere Häuser brauchen, sondern viel mehr, weil man mit der Beschäftigung mit diesem Thema auch soziale, politische, finanzielle, kommunikative, gesellschaftliche und kreative Aspekte und Bereiche berührt. Es hat etwas Handwerkliches, aber es geht auch um etwas grundsätzlich Konstruktives. Nichts sieht einfach nur so aus, weil es so aussehen will. Und so verstehen die Kinder plötzlich, warum der Eiffelturm so aussieht, wie er aussieht oder warum die Häuserdächer so sind, wie sie sind. Es bedeutet, die inneren Gesetzmässigkeiten einer Konstruktion zu erforschen und zu verstehen, dass Architektur viel mehr ist als nur ein Gestaltgeber.» Jan Rikus Hillmann, Geschäftsführer des De:Bug Magazins, ist der Meinung, dass es ohne eine gewisse Erfahrung schwierig wird, neue Themen aufzugreifen: «Wer aktuell publizieren möchte, muss wissen, welche Themen gerade für seine Zielgruppe interessant sind und seinen Blick in dem journalistischen Winkel darauf richten, wie es für sein Medium adäquat erscheint. Wir bei der De:Bug sind aktiv sehr vernetzt, werden aber auch mit vielen Medien wie Vinyls, CDs, DVDs und Büchern bemustert und haben zudem viele Autoren, die uns Themen vorschlagen. Es gibt viele verschiedene Wege, Themen zu entdecken, aber die Erfahrung kann sehr hilfreich sein, um aktiv Inhalte zu Themen zu machen. Wenn man lange bestimmte Themenkomplexe begleitet hat, fallen bestimmte Tendenzen, Strukturen, Hypes, Entwicklungen einfach auf. Es gehört zum Job, zu sehen, ob sich aus einer Tendenz gerade etwas Stärkeres entwickelt oder entwickeln könnte.»