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Spuren im Schnee

Ausnahmezonen sind wie Fussstapfen im Neuschnee. Sie würden nicht fehlen, wenn es sie nicht gäbe, jedoch kann ihre Existenz Raum für Gedanken und Aktionen schaffen. Viele Ausnahmezonen entstehen, weil jemand durch Zufall oder aus Neugier vom Pfad abweicht. Es gibt aber auch Menschen, welche bewusst in den Neuschnee schreiten, um Neuland zu erkunden und Prozesse zu ermöglichen.





Wir wollten eine Modeschau machen. Also nähten wir Kleider.

Menschen schaffen Ausnahmezonen oft nicht, weil sie dadurch Prozesse auslösen wollen, sondern eher, weil sie zufällig etwas brauchen oder ausprobieren wollen, ob eine Idee wirklich das Potenzial für eine Umsetzung hat. Sie werfen einfach einen Stein ins Wasser und schauen, ob er Wellen schlägt.

Ines-Ulrike Rudolph, Spezialistin für die Entwicklung von Konzepten für die temporäre Nutzung von Flächen und Gebäuden, beschreibt die Wichtigkeit von Proberäumen: «Ich halte ‹Proberäume›, wo Leute Dinge einfach ausprobieren können und nicht schon einen Businessplan haben müssen, für absolut wichtig - auch für den persönlichen Reifeprozess und um Unternehmungen entwickeln zu können. Das Innovative entsteht eben erst aus dem Chaotischen und aus der Reibung und den Verhandlungen mit anderen Leuten.» Markus Freitag kann sich kaum an eine Zeit erinnern, in der nicht einfach alles ausprobiert wurde, worauf man Lust hatte: «Ich habe eine Lehre als Dekorationsgestalter gemacht. Ich hatte dort schon das Gefühl, dass ich nicht auf Anleitungen angewiesen war und habe einfach ausprobiert. Die Aufträge waren immer sehr unterschiedlich und man musste sich zu jedem Auftrag etwas Neues überlegen. Daniel hatte auch einen Lehrmeister, der nie da war und von ihm alles verlangte, als ob er schon ein fertig ausgelernter Grafiker wäre. Von dem her hatten wir nie das Gefühl, dass wir erst etwas lernen müssten, um etwas zu machen. Die Frage hat sich gar nie gestellt. Zu Hause hatten wir eine Werkstatt und konnten immer tun, was wir wollten und alle Werkzeuge brauchen.» Experimentieren erfordert nicht unbedingt Mut, sondern eher die Bereitschaft, auch Fehler zu machen.

Sandro Nardi, Organisator der Musik-Plattform Club saboteur: «Wenn man alles selber organisiert, macht man halt am Anfang viele Fehler, aber der Vorteil ist, dass man die Erfahrungen selbst gemacht hat. Ich denke, dass man auch freier auf Dinge zugehen kann und andere Lösungswege findet, wenn man die allgemeingültigen Projektmanagementregeln gar nicht kennt.» Andreas Broeckmann, Künstlerischer Leiter des Medien>Kunst<Labors TESLA in Berlin, ist der Meinung, dass gewisse Dinge sowieso nur durch «learning by doing» und dadurch, «dass man Fehler» macht, entwickelt werden können: «Ich bin froh, dass ich solche Erfahrungen in einer relativ beschützen Umgebung machen konnte und in einer Situation, in der es nicht zu grossen Dramen geführt hat.»

Viele Projekte sind die Folge eines kleinen Experiments, das unerwartet grösser wurde. Herwig Bauer berichtet, wie die Poolbar entstanden ist: «Zu jener Zeit habe ich selber viele gestalterische Dinge wie Schnitzen, Filmen, Malen etc. ausprobiert und irgendwann ging ich sogar in einen Glasbläsereikurs. Dieser war dann der Anlass, eine Workshopreihe zu gründen, woraus mit den Jahren das poolbar Festival entstanden ist. [...] Ich hatte nicht im Entferntesten geplant, dies beruflich zu machen. Es zeigte sich einfach, dass ich mich nach dem Studium entscheiden musste, das eine oder das andere zu machen, weil beides zeitlich nicht möglich gewesen wäre.» Das Modeprojekt Satan takes a holiday ist ebenfalls ein Folgeprojekt einer spontanten Aktion. Anna Hilti: «Während meiner Studienzeit in Luzern hatten wir einen Keller, in den wir eine Bar einbauten und regelmässig betrieben. Da wir dort eine Modeschau machen wollten, begannen etwa 5 Leute, die alle keine Schneider- oder Modeausbildung hatten, zu nähen. Es passierte einfach. Wir suchten altes Material wie Kleider, Vorhänge, etc. und daraus kreierten wir eine Kollektion.» Fabian Reuteler erzählt eine ähnliche Kellergeschichte: «Es begann damit, dass wir mit 13 im Keller eine Bar einrichteten, die für einen Haufen 13-Jähriger gar nicht so unprofessionell war. Wir hatten DJs und eine computergesteuerte Lichtshow, die einem jedes Mal einen Stromschlag versetzte, wenn man ihr zu nahe kam. Später organisierten wir dann in einem Jugendraum Konzerte und Clubbing.» Zu dem einen Keller gesellten sich später noch weitere Keller und einige der 13-Jährigen von damals organisieren im Rahmen des Kulturvereins Tanzformator auch heute noch Veranstaltungen.


Warum tanzt ihr nicht?

Menschen, welche bewusst Ausnahmezonen kreieren, zeichnen sich meist dadurch aus, dass sie bereit sind, Dinge geschehen zu lassen, die nicht den eigenen Erwartungen entsprechen und zu respektieren, dass diese Teil des Prozesses werden.

Anna Hilti involvierte in ihr Modeprojekt etliche Leute, die sich als Näher/innen, DJs, Models etc. betätigten: «Viele der Models waren noch nie auf einer Bühne gestanden und es war erstaunlich, welche Talente zum Vorschein kamen. Man muss Möglichkeiten für die Leute schaffen, weil man sonst ihr Potenzial gar nicht sieht.» Herwig Bauer organisiert am poolbar Festival neben Konzerten auch Architektur- und Modewettbewerbe, weil er überzeugt ist, dass sein Publikum, «das ich als kritisches Publikum im positiven Sinne sehe», selber etwas machen will. Im Wunschpavillon konnte sich die Bevölkerung mit Wünschen beteiligen. Jan Sellke: «Partizipation war im Wunschpavillon wirklich ein Schwerpunkt. Deshalb konnte man sich etwas wünschen und wir haben auf diese Wünsche reagiert und versucht, sie umzusetzen oder sie an Institutionen weiterzugeben, die diese Wünsche erfüllen können. Wir haben gezeigt, dass wir ab dem Punkt nicht mehr Anbieter sind, sondern dass wir auf Angebote und Nachfragen, die von aussen kommen, reagieren.» Im Projekt culturia in Berlin darf man sich zwar nichts wünschen, dafür aber werden Räume zur Verfügung gestellt, innerhalb derer man die eigenen Wünsche verwirklichen kann. Sven Iversen: «Das Spezielle an culturia ist, dass die leerstehende Räume genutzt werden, um Leute von aussen nach Berlin zu holen. Es geht wirklich sehr darum, Berlin anderen Leuten vertraut zu machen und ihnen die Chance zu geben, sich Berlin zu Eigen zu machen.» Wenn Räume geschaffen und bewusst anderen Menschen zur Verfügung gestellt werden, ist es wichtig, die Personen zu schützen, welche den Mut haben, in diesen Räumen ungewohnte Dinge auszuprobieren. Ein klarer Rahmen kann verhindern, so Bastian Trost von der Performance Gruppe Gob Squad, dass sich Leute unwohl fühlen, wenn sie zum Mitmachen aufgefordert werden: «Dadurch, dass du den Zuschauern klare Strukturen vorgibst, fühlen sie sich relativ geborgen darin. [...] Wir sind uns bewusst, dass wir proben und die Zuschauer nicht. Wir haben einen enormen Vorsprung. Die Zuschauer müssen genauso wie wir eine Chance haben, gut dazustehen, obwohl sie nicht geprobt haben. Man sollte sie nicht blossstellen. Wenn wir ihnen keinen klaren Rahmen geben, wird es schwierig und peinlich für sie.» Ilia Papatheodorou, Performerin beim Kollektiv She She Pop, bestätigt, dass ein Stück so konzipiert sein muss, dass sich das Publikum wohlfühlt. In ‹Warum tanzt ihr nicht?› werden die Zuschauer/innen beispielsweise zum Tanzen aufgefordert, jedoch steht es ihnen frei, die Einladung anzunehmen: «Die Situation muss so gestaltet sein, dass sie individuelle Grenzen zulässt. Dass es nicht aufhört, wenn jemand sagt, er wolle nicht tanzen.»

Philippe Cabane muss immer wieder dafür kämpfen, dass die Räume und Flächen des nt/Areals in Basel offen für neue Nutzungen bleiben: «Öffentliche Räume laufen immer Gefahr, von bestimmten Gruppen in Beschlag genommen und codiert zu werden. Auf dem Sonntagsmarktplatz zum Beispiel stehen zwei Basketballkörbe auf einem markierten Feld. Ein Geschenk des Kantons, weil er bei der Dreirosenanlage zu wenig Kapazität hatte. Mit dieser Codierung von Funktionen wird jeglicher Möglichkeitssinn ausgeschaltet. Der Platz ist definiert, bestimmt und territorialisiert durch eine Funktion! Aber sind es nicht gerade die noch offenen Möglichkeiten, die Neues und Verschiedenartiges zulassen können? Öffentlichkeit kann nur entstehen, wenn auch anderes möglich ist. Plätze mit Anspruch auf Öffentlichkeit müssen unterschiedlichste Codierungen zulassen. Exemplarisch für diese Haltung sind die Velokuriere, die sich jeden Mittwoch zum Velopolo treffen. Sie basteln mit Rucksäcken zwei Tore, spielen Polo, trinken anschliessend ein Bier und packen alles wieder zusammen. Vorher und nachher sieht der Platz aus, als wäre nichts passiert. Markiert wird nur für zwei Stunden. Öffentlichkeit teilt sich den Raum in Zeitabschnitte und nicht in Parzellen.» Es gibt sehr wenige Zonen wie das nt/Areal, die bewusst offen gehalten werden, denn oft ist es den Leuten zu riskant, anderen Freiraum zu gewähren. Timon Christen hat mit dem Kaktus*Magazin ebenfalls eine Zone geschaffen, innerhalb derer sich andere Personen verwirklichen können: «Es gibt nur wenige Konzepte, die so offen sind. Unser Magazin ist ziemlich klein und kleine Magazine werden von den Herausgebern meistens als Plattform für sich selbst benutzt, also um eigene Arbeiten zu publizieren.»


Fantasieräume

Ausnahmezonen müssen nicht immer ein Angebot zur Partizipation sein, sondern können auch geistige Räume darstellen, welche einfach da sind und von anderen Menschen so genutzt werden können, wie diese es möchten. Solche Zonen können als Ruhestätten innerhalb einer Welt dienen, in der das Funktionale sehr wichtig ist und die Antworten meist schon gegeben sind, ohne dass je eine Frage gestellt wurde.

Mit dem unternehmen mitte in Basel wurde ein Café- und Kulturhaus in einer Bank geschaffen, in dem sich die Leute wohlfühlen können. Die Gäste haben die Möglichkeit, einen Kaffee zu trinken, ein Magazin zu lesen, Leute zu treffen oder am Laptop zu arbeiten. Daniel Häni, Mitbegründer und Geschäftsführer: «Wir sind interessiert, einen Raum zu schaffen, wo sich Menschen begegnen, wo Platz für Kreativität ist, wo man nicht muss, sondern kann.» Thomas Soraperra beschreibt das Kunstmuseum ähnlich: «Wir haben viele Besucher, die das Museum als einen Ort der geistigen Anregung nutzen, wo man losgelöst von unmittelbar funktionalen Zusammenhängen sein kann. Wir wollen ja im positiven Sinne eine Ausnahmezone sein, wo man Zeit hat zu schlendern und sitzen. Manche Leute tun es und manche nicht. Es ist nur ein Angebot. Wir sind wie der Fels in der Brandung. Ein Museum kann man nutzen, auch für sich selber. Es sind nicht immer die Antworten, die zählen, sondern die Fragen. Wir sind eine Gesellschaft, die sehr schnell mit Antworten ist. Wir wollen sofort Antworten und kriegen sie auch. Da ist es einfach gut, auch über Fragen nachzudenken.»

Barbara Ellenberger sieht Theater als Möglichkeit, Dinge auszuprobieren, welche im realen Leben nicht möglich sind und so Situationen zu erleben, welche einem neue Welten eröffnen: «Theater ist eine Form, sich spielend mit Situationen auseinanderzusetzen und sich im Freiraum der Fantasie mit Dingen zu beschäftigen, die man in der Realität brauchen kann. Kinder beispielsweise spielen und probieren sich im Spiel aus, wie es wäre, Vater und Mutter zu sein. Zuschauer machen das ähnlich. Sie schauen zu, wie andere ausprobieren, wie es wäre, wenn man Macht hätte oder ein Mörder wäre.» Markus Wille hofft, dass die Filme im TaKino es manchmal schaffen, Leute von ihren Positionen und Meinungen wegzubewegen: «Ich bilde mir nicht ein, dass man bei der Masse etwas verändern kann, aber vielleicht bekommen einige Personen Einsichten in Welten, die ihnen sonst verschlossen sind.» Martin Lötscher würde sich freuen, wenn Leute durch das soDA Magazin, das sich «durch seine Langlebigkeit inzwischen zu einer festen Grösse etabliert hat», inspiriert werden könnten, «etwas Ähnliches zu machen und nach ethischen und menschlichen Kriterien vorzugehen» sowie «das Risiko auf sich zu nehmen, Dinge zu machen, die vor 10 oder 20 Jahren undenkbar gewesen wären». Markus und Daniel Freitag mussten schon miterleben, dass ihre Idee zwar inspirierte, aber die Kriterien ganz grundsätzlich missverstanden wurden. Markus Freitag: «Es gab Leute, die Produkte aus neuem Planenmaterial herstellten. In diesem Fall finde ich es immer noch besser, Taschen aus gutem Leder zu produzieren, anstatt Kunststoffmaterial salonfähig zu machen.» Es gibt aber auch viele, welche die Idee der FREITAG Taschen verstanden haben: «Ich denke schon, dass das FREITAG-Beispiel eine ganze Generation von Produktdesignern geprägt hat. Es gab vorher noch nicht so viele Gestalter, die aus Müll ein völlig funktionales Produkt gemacht haben, das gut aussieht und sich auch noch nach 13 Jahren im modischen Segment halten kann.»