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Fliegenfischer

Prozesse zu gestalten bedeutet, durch viele dunkle Tunnels zu krabbeln und oft nicht zu wissen, wie es weitergehen wird. Um die Motivation nicht im ersten Tunnel zu verlieren, ist es hilfreich, wenn ein Prozess auf einer sehr lustvollen Fragestellung basiert.





Ich werfe einfach etwas ins Wasser und schaue, ob ein Hecht anbeisst.

Es ist wichtig, Ideen eine Weile mit sich herumzutragen, sie guten Freunden zu erzählen und auszuprobieren, ob sie sich innerhalb der gegebenen Umstände weiterenwickeln lassen oder ob sie sich mit der Zeit als unrealisierbar herausstellen.

Mischa Schaub, Institutsleiter des HyperWerk, reflektiert, wie er Ideen aussucht: «Ich erzähle meine Ideen, solange sie vollkommen unreif sind und stehe manchmal mit masslosen Behauptungen da. Aber plötzlich hält etwas. Ich bin wie ein Fliegenfischer. Ich werfe einfach etwas ins Wasser und schaue, ob ein Hecht anbeisst. Ich denke, es ist wichtig, viel zu werfen und Ideen schnell fallenzulassen, wenn sie nicht funktionieren. Beim Entscheiden braucht es eine gewisse Geschwindigkeit und zugleich die Sturheit, dabeizubleiben und die grossen Dinge zu verfolgen. Man hat nicht unendliche Ressourcen an Kreativität.» Barbara Ellenberger, Künstlerische Leiterin des Wunschpavillons: «Alles, was ich mache, beginnt mit einer Vision, einem Wunsch oder einer Idee und dann beginne ich, diese Idee zu behaupten. In dieser Phase bin ich sehr aufmerksam mir gegenüber. Wenn ich merke, dass ich die Idee gerne erzähle und wenn andere Leute Spass daran haben, dann mache ich weiter. [...] Es ist wichtig aufzunehmen, was sich aus den Gesprächen ergibt oder etwas wieder fallenzulassen, weil es auf kein Echo stösst und Kraft kosten würde. Es wäre zwar nett, aber... Es lohnt sich, in dieser Phase sehr ehrlich zu sein, nicht nur mit sich selber, sondern auch den Bedingungen gegenüber, die man vorfindet.» Es kann sein, dass eine Idee zwar gut ist, dass aber der richtige Zeitpunkt für eine Umsetzung noch nicht gekommen ist. Martin Lötscher: «Zum Teil haben wir Ideen oder Vorstellungen, deren Potenzial erst ein paar Jahre später ersichtlich wird. Andererseits gibt es Thematiken, die uns in einem bestimmten Moment interessieren und mit denen wir uns dann sehr intensiv auseinandersetzen können.» Markus Wille beschreibt seine Arbeitsweise im TaKino in ähnlichen Worten: «Ich trage Filme manchmal Monate mit mir herum, um einen passenden Platz für sie zu finden oder einen geeigneten Aufhänger zu haben, denn wenn man sie nicht mit einer aktuellen Stimmung in Verbindung setzen kann, zeigt man sie vergeblich.»


Was zu beweisen war

Überraschende Ideen werden oft als unrealisierbar oder wahnsinnig abgetan. Für viele Prozessgestalter/innen ist es eine persönliche Herausforderung, eine Idee trotz allen Einwänden weiterzuverfolgen und sich selbst und anderen zu beweisen, dass sie sehr wohl das Potenzial für eine Umsetzung hat.

Philippe Cabane kann von der Arbeit als Coach und Geschäftsleiter des Zwischennutzungsprojekts nt/Areal in Basel nicht leben, jedoch war dies auch nicht das Ziel der Projektentwicklung: «Für mich war das Projekt in erster Linie ein Experiment, mit dem ich zeigen wollte, dass städtische Identität vor allem von sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Aktivitäten und weniger von sogenannt identitätsstiftenden städtischen Architekturen abhängt. Für mich galt es, dieses zu beweisen. Dass es funktioniert, haben die unzähligen aktiven Menschen auf dem Areal gezeigt. Den Beweis zu erbringen, dass man ohne Subventionen einen öffentlichen Raum erschliessen und mit städtischem Leben erfüllen kann, ist mehr als nur ein gutes Gefühl. Es ist das Wissen um ein ganzes Instrumentarium, wie man öffentliche Flächen privat betreiben kann.» Georg Biedermann findet es ebenfalls viel interessanter, Projekte zu erarbeiten, wo der Erfolg nicht schon vorprogrammiert ist. Dies war auch seine Motivation, ein Festival für junge Dramatiker/innen mit wenig Zeit und noch weniger Geld zu organisieren: «Wenn es einigermassen gelingt, dass sich die Leute wohlfühlen, ist das für mich viel spannender als irgendein Gastspiel zu organisieren, von dem ich weiss, dass es sowieso klappt.» Karl Gassner baute vor 28 Jahren ein Haus und verwandelte zur Besorgnis seiner Eltern eines der Stockwerke in einen Jazz-Club. Bis heute stellt es für ihn eine Herausforderung dar, den Jazz-Club zu betreiben: «Ich bin ein positiv denkender Mensch. Es geht alles irgendwie. Wenn ich anfangen würde zu zweifeln, hätte ich schon längst aufhören müssen, denn es war auch nicht immer alles eitel Sonnenschein. Für mich ist die Tangente ein Nervenkitzel. Es geht mir nicht um die Anzahl der Konzerte, sondern darum, zu sehen, ob ich es schaffe, die Qualität zu halten und das Ganze zu finanzieren.» Mit Nervenkitzel war auch das Theaterprojekt Hotel Neustadt in Berlin verbunden. Benjamin Foerster-Baldenius: «Es ging darum, im zweitgrössten Plattenbaugebiet Ostdeutschlands ein Theaterprojekt mit Jugendlichen zu machen. Wir konnten sie von der Idee überzeugen, eines der vielen leerstehenden Gebäude in ein temporäres Hotel umzuwandeln und weil dieses Gebiet nicht unbedingt ein beliebtes Reiseziel ist, veranstalteten wir gleich noch ein internationales Theaterfestival.»

Ungewöhnliche und überraschende Ideen lösen oft Misstrauen aus, weil an deren Realisierbarkeit gezweifelt wird. Deshalb müssen Projekte oder Unternehmen oft schon sehr weit entwickelt sein, bis sich andere Leute davon begeistern und überzeugen lassen. Für Beatrice Brunhart-Risch war das Junge THEATER liechtenstein nicht das erste Projekt, das ohne finanzielle Ressourcen aufgebaut wurde: «Zuerst muss man etwas leisten, da man sonst das Vertrauen der Leute nicht gewinnen kann. Erst dann kann man um finanzielle Unterstützung bitten.» Desirée Meiser hat mit dem zeitgenössischen Musikzentrum GARE DU NORD erfahren, dass ein solcher Prozess sehr lange dauern kann: «Du musst dir ein Vertrauen erarbeiten, dich bewähren und du musst über längere Zeit ein spannendes Programm vorlegen. Ein Jahr reicht nicht. Du musst auch Strategien entwickeln, wie du den Leuten die Berührungsangst nehmen kannst.» Beat von Wartburg, Leiter der Abteilung Kultur der Christoph Merian Stiftung freut sich über die Möglichkeit, solche Projekte zu fördern: «Wir sind als Stiftung in der komfortablen Situation, aber auch in der Verantwortung, genau solche Projekte zu unterstützen, die risikobehaftet und experimentell sind und wo der Erfolg nicht schon von vorneherein feststeht.»


Das Herauspicken von lustvollen Punkten

Eine Fragestellung nach der potenziellen Markttauglichkeit auszuwählen ist in der Prozessgestaltung sehr schwierig, da der Verlauf eines Prozesses unklar ist und sich der Markt permanent verändert. Wenn eine Idee hingegen nach dem Lustprinzip auserkoren wird, stellt deren Weiterverfolgung immer eine persönliche Bereicherung dar und kann in dem Sinne auch nicht scheitern.

Martin Lötscher beschreibt, wie die Themen für das soDA Magazin ausgewählt werden: «Wenn wir eine sehr grosse Basis an Informationen haben, dann picken wir aus dem Wissenspool kleine Punkte heraus, die für uns lustvoll sind und von der Dramaturgie her eine Spannung erzeugen.» Für Martin Lötscher stand ein kommerzieller Erfolg nie im Vordergrund. Er merkte vielmehr, «dass es ein grundsätzlich spannendes Gebiet war, wo ich sehr viel lernen konnte.» Für Benjamin Foerster-Baldenius stellte die Umsetzung des Projekts Hotel Neustadt ebenfalls eine sehr verlockende Idee dar: «Es war eine Möglichkeit, einen riesen Spielplatz zu haben, auf dem man wirklich etwas ausprobieren kann.» Obwohl Damian Hohl für die Mitarbeit im Zwischennutzungsprojekt Palace in St. Gallen im ersten Jahr nichts verdiente, kam ein Aussteigen nicht in Frage: «Ein Teil meiner Motivation ist, dass mir ein grosser Teil der Musik, die wir hier zeigen, viel bedeutet. Und hier mitzumischen macht Spass. Wir haben hier die Möglichkeit, unsere Lieblingsbands ins eigene Haus holen.» Auch Andreas Broeckmann witterte mit der Konzeption des TESLA Medien>Kunst<Labors eine eine Chance, etwas Besonderes auf die Beine zu stellen: «Wir hatten die Möglichkeit, ein Haus zu bekommen, wo wir Künstlern Produktionsorte und Produktionszeit anbieten können und wo eine längerfristige Arbeit sowie kleinere Sachen möglich sind, die nicht den Anspruch haben, dass ein paar hundert oder ein paar tausend Gäste kommen, sondern wo eine Salonveranstaltung auch mit 20 oder 25 Gästen gelungen ist. Es war eine Gelegenheit, andere Formate auszuprobieren und wirklich Work in Progress zu präsentieren.» Fabian Reuteler schaffte ebenfalls einen Experimentierraum: «Den Tanzformator Verein haben wir mit dem Ziel gegründet, diejenigen Dinge zu organisieren, die wir selber gerne besuchen würden und deshalb haben wir auch ein sehr vielfältiges Programm, das von Clubbing-Geschichten über Konzerte bis zu Comedys geht. Für mich stellte der Verein vor allem anfangs einen Rahmen dar, um verschiedene Dinge auszuprobieren und um herauszufinden, was funktioniert, worauf die Leute ansprechen und wie man kostendeckend arbeiten kann. Es war wie ein Tummelfeld.» Sandro Nardi empfand die Organisation der Musikplattform Club saboteur als Chance, etwas auszuprobieren: «Ich glaube, man muss nicht immer schauen, was es schon alles gibt. Etwas muss ja auch einfach für dich innovativ sein.» Der Theaterschaffende Georg Biedermann ist überzeugt, dass Projekte, welche mit Herzblut organisiert werden, eine andere Ausstrahlung haben als Projekte, wo das Geld im Vordergrund steht: «Ich finde, es muss immer ein echtes Anliegen dahinter sein. Es gibt vielleicht Dinge, mit denen du Geld verdienen kannst und die du vermarkten kannst. Ich weiss nicht, ob es dann noch ehrlich ist. Für mich ist es wichtig, dass eine Absicht dahinter ist, die nicht unbedingt auf Selbstbereicherung zielt.» Die Kulturbeirätin Evelyne Bermann lässt sich gerne von Gesuchen begeistern, bei denen eine gewisse Authentizität spürbar ist, jedoch hat sie auch schon viele Gesuche vorgelegt bekommen, bei denen schnell der Eindruck entstand, dass diese hauptsächlich konzipiert wurden, um an Fördermittel zu gelangen: «Die Authentizität eines Projekts ist sehr wichtig. Ich glaube, man spürt, wie tief und professionell ein Projekt ist und wie realistisch man einem Thema nachgegangen ist.»