Der gestalterische Anspruch ist diejenige Komponente, welche den Arbeitsbereich der Prozessgestaltung auszeichnet und ihn von anderen Formen der Realitätsbewältigung unterscheidet. Ein Prozess, der nicht einfach seinen Lauf nimmt, sondern nach persönlichen ästhetischen Kriterien gestaltet wird, läuft er zwar in Gefahr, von Menschen mit anderen Denkweisen kritisiert zu werden, dafür aber hat er das Potenzial, Menschen mit ähnlichen ästhetischen Vorstellungen zu berühren, zu inspirieren und zu begeistern.

Einen Schritt weiter gehen
Eine klare gestalterische Haltung ermöglicht, sich nicht an einem äusseren Erscheinungsbild festhalten zu müssen, sondern permanent auf neue Umstände eingehen und sich von diesen inspirieren lassen zu können. So entstehen oft einzigartige und einer Massenproduktion diametral entgegengesetzte Ergebnisse.
Im Grafikunternehmen Screenlounge gleicht zwar nie eine Website der anderen, aber die Endprodukte sind trotzdem durch eine gemeinsame Ästhetik identifizierbar. Für Mario Frick stellt jeder Kunde eine neue Herausforderung dar: «Da unsere Kunden und deren Vorstellungen ziemlich unterschiedlich sind, muss unser Design recht wandelbar und auf den zu kommunizierenden Inhalt angepasst sein. Das heisst, die optimale Kommunikation einer Botschaft ist wichtiger als einen bestimmten ‹Screenlounge-Stil› durchzuboxen. Wir versuchen jedoch trotzdem, bei jedem Projekt einen Schritt weiter zu gehen, als nötig wäre. So entstehen im Idealfall Resultate, auf die wir auch in der Zukunft noch stolz sind.» Bei der FREITAG reference ag entstehen ebenfalls ausschliesslich Unikate, welche jeweils nach den ästhetischen Kriterien derjenigen Person gestaltet werden, welche für das Zuschneiden einer Tasche zuständig ist. Markus Freitag erinnert sich, dass es sehr schwierig war, die Produktion der Taschen extern abzugeben, weil ihr Konzept im besten Falle verstanden, von anderen Firmen jedoch nicht unbedingt geschätzt wurde: «Eine normale Fabrik kann eigentlich 100 oder 1000 oder 20‘000 Mal das Gleiche machen und da ist es etwas anderes, jedes Mal auf eine andere Plane einzugehen und zu überlegen, wie man sie schneiden soll. Es gibt Fabriken, die am liebsten die Innenseite der Planen nach Aussen genommen hätten, so dass alles nur noch rot, blau oder weiss gewesen wäre und die Löcher und Grafiken verschwunden wären.»
Mathias Ospelt ist der Meinung, dass ein Theaterstück dann gelungen ist, wenn dessen Qualität unabhängig vom Geschmack des Publikums spürbar wird: «Da ich jemand bin, der seine kreative Arbeit ‹verkaufen› will (Buchproduktionen, Theaterprojekte, kulturelle Veranstaltungen etc.) und der weniger l’art pour l’art produziert, ist für mich ein Projekt dann ganzheitlich, wenn am Ende die Chemie zwischen Projekt/Akteuren und Publikum stimmt bzw. wenn das Gebotene als relevant und die Umsetzung als ernsthafte künstlerische Arbeit verstanden wird. Unabhängig davon, ob das Endprodukt den Geschmack trifft oder nicht.» Um eine solche Qualität zu garantieren, ist es wichtig, keine Kompromisse einzugehen. Peter Bläuer, Direktor der Kunstmesse LISTE: «Wir hatten lange Zeit keine Basler Galerie, weil wir keine gut- und international genug fanden. Die Qualität ist ein entscheidender und sehr wichtiger Faktor. Durch Kritik muss man durch. Es ist wichtig, eine Haltung einzunehmen und dazu zu stehen.» Atilano González ist der Meinung, dass die Haltung der Jury derjenige Faktor ist, welcher Designmai zu einem speziellen Festival macht: «Die Leute müssen sich bei uns mit ihren Projekten bewerben und wir lehnen auch Arbeiten ab. Bei anderen Festivals bezahlt man einfach, um drin zu sein und die Gebühren bei anderen Festivals sind auch wesentlich höher als bei uns.» Markus Wille ist sich sicher, dass der Erfolg von der Haltung abhängt, denn den Geschmack seines Publikums zu erahnen ist seiner Ansicht nach sowieso ein Ding der Unmöglichkeit: «Manchmal funktionieren auch Filme, bei denen man es nicht erwartet hat. Man weiss halt nie so ganz, was funktioniert. Für das Publikum zu programmieren kann man vergessen. [...] Ich glaube, ein wichtiger Erfolgsfaktor sind unsere Mitarbeiter/innen und unsere Haltung bzw. die Stimmung, die diejenigen ausstrahlen, die hier arbeiten. Es gibt Leute, die ins TaKino kommen, ohne zu wissen, was an diesem Abend läuft. [...] Man hat eine Grundhaltung und die muss durchgezogen werden. Man läuft halt immer in Gefahr, von einem Teil nicht beachtet zu werden und die Frage ist, ob man sich dies leisten kann.»
Personen vs. Anonymität
Obwohl sich Prozessgestalter/innen oft im Hintergrund halten, sind es sie als Personen, welche für ein Projekt oder Unternehmen einstehen und das Vertrauen von Mitarbeitenden und Partnern besitzen. Sich eine solche Vertrauensstellung zu erkämpfen und andere Menschen von der Qualität und Ernsthaftigkeit eines Vorhabens zu überzeugen, dauert vielfach sehr lange, jedoch kann dieses Vertrauen längerfristig zu einem wichtigen Erfolgsfaktor werden.
Peter Bläuer: «Wir haben einen ‹wunderbaren› Hauptsponsor, eine Basler Privatbank, und die Besitzer mögen mich auch als Person. Ich glaube, wenn man authentisch ist und bei sich bleibt, haben die Dinge generell eine Chance, beachtet zu werden. Die Gleichschaltung und Anonymität, die in vielen Bereichen herrscht, ist schwierig als Erfolgsrezept. Die Messe ist in unserem Falle personifiziert. Das bin ich, auch nach aussen. Ich glaube schon, dass dies auch ein Teil des Erfolgs ist. Sich selber sein ist eine Möglichkeit von Erfolgsrezept, weil man dann andere Menschen auch überzeugen kann.» Markus Wille ist im TaKino derjenige, der das Programm zusammenstellt. Er erklärt, warum er diesen Bereich nicht delegieren kann: «Es ist schwierig, bei der Programmwahl wirklich eine Arbeitsteilung zu machen. Es muss über einen Tisch und über eine Kontaktperson gehen, weil Kontakte in diesem Geschäft alles bedeuten. [...] Wir brauchten Jahre, bis uns Verleiher ernst nahmen. Gerade bei den Arthousefilmen und den spezielleren Filmen ist das verständlich, da die Schweizer Kinos die Auflage haben, ein gewisses Angebot an diesen Filmen zur Erhaltung der kulturellen Vielfalt im Programm haben. Die Verleiher haben dann keine Lust, ihre Filme für eine kaum besuchte Nachmittagsvorstellung herzugeben.»
Auch Ute Haferburg und Desirée Meiser mussten sich gedulden, bis sich Besucher/innen in das erste experimentelle Musikzentrum der Schweiz wagten. Desirée Meiser: «Nachhaltigkeit entsteht ja nur durch Zeit, durch Kontinuierlichkeit und durch die mehr oder weniger geradlinige Weiterführung eines Konzeptes. Geradlinig heisst, dass man das Konzept nicht nach 3 Jahren an allen Ecken und Enden aufweicht, um bessere Zahlen zu machen. Deswegen kommen zwar gewisse Leute nicht, aber andere kommen nur hierher. Es ist eine Haltung. Es gibt ein paar Eckpfeiler, die unumstösslich sind. [...] Der Betrieb muss natürlich gesichert sein, aber wir lassen uns nicht von rein kommerziellen Zwecken leiten. Nachhaltigkeit ist, eine Haltung zu bewahren, die sich erneuern und weiterenwickeln kann, aber die das, was man von diesem Ort erwartet, nicht enttäuscht.»
Bastian Trost hat die Erfahrung gemacht, dass es Gruppen schwerer als Personen haben, sich nach aussen zu präsentieren: «Wir sind ein Kollektiv von 6 Leuten. In der Theaterstruktur wird vieles an Einzelpersonen festgemacht und wir wollen diese Bedeutung als Gruppe haben, da wir gemerkt haben, dass unsere Stärke in der Zusammenarbeit liegt. Jeder von uns macht zwar manchmal Projekte alleine, aber als Gruppe haben wir eine ganz bestimmte Ästhetik und eine ganz bestimmte Art zu arbeiten. Das ist halt dann Gob Squad und ich glaube, keiner von uns würde das alleine hinkriegen.» Das Gruppenverständnis des Performance Teams stösst in der Theaterwelt jedoch auf Unverständnis: «Das hierarchische Theater braucht Einzelpersonen. Es kann ein Kollektiv nicht einordnen.»
Magische Orte
Orte können entscheidend zu einer besonderen Atmosphäre beitragen. Es braucht jedoch Menschen mit der Fähigkeit, solche Orte zu entdecken und lebendig zu machen oder sie selbst zu schaffen.
Martina Nadansky erklärt, warum es auch schon für Kinder wichtig ist, sich mit Architektur zu befassen: «Ein Raum kann unheimlich viel ausdrücken. Er kann dominant sein, weicher sein, er kann anbieten oder blockieren. [...] Der Architektur kann man sich niemals entziehen, im Gegensatz zu Musik, die man einfach ausschalten kann.» Peter Bläuer ist sich bewusst, dass die Warteck-Brauerei ein Ort ist, der die Kunstmesse LISTE zu etwas Besonderem macht: «Das Gebäude ist keine Messehalle, obwohl Kunstmessen normalerweise in einer Messehalle stattfinden. Es ist eine alte Brauerei und jeder Raum sieht anders aus. Die Stimmung des Hauses hat einen wichtigen Anteil an der Stimmung der LISTE. Ich denke, das Gebäude hat auch seine Schwierigkeiten, aber was die Stimmung betrifft, ist es schon sehr einmalig, auch im Sinne des Erinnerns. Das Warteck kennt man und es ist, im Gegensatz zu einer anonymen Messehalle, zu einem Bild geworden.» Georg Biedermann hat für die jungen Dramatiker/innen des Interplay Europe 2006 eine aussergewöhnlichen Unterkunft in einem Kloster gefunden. Er ist sich sicher, dass diese mitverantwortlich für die positive Atmosphäre war: «Die Klosterschwestern konnten zwar kein Englisch, aber sie haben sich total über die internationalen Gäste gefreut.» Auch Desirée Meiser hat für ihre Gäste im Badischen Bahnhof in Basel einen speziellen Raum entdeckt, dem sie eine neue Nutzung gab und ihn dadurch zum Leben erweckte: «Ich finde es einen extrem gastlichen Ort. Wir haben einmal eine ganze Nacht lang ein Feldmann Konzert des ‹Ensembles Phoenix Basel› auf Liegestühlen gehört und Rotwein getrunken. In einem solchen Rahmen fällt dir viel ein. Du kannst den Raum nicht sehr stark verändern, aber er ist sehr inspirierend und kann sich wandeln, ohne dass man ihn stark verändert.» Besondere Orte vorzufinden ist ein grosses Glück, jedoch ist es auch möglich, solche Orte zu kreieren. Jan Sellke und Barbara Ellenberger haben einen Container aufgestellt und ihn in ein Wunschpavillon verwandelt. Jan Sellke: «Der Raum sollte freundlich erscheinen. Es sollte ein öffentliches Wohnzimmer sein, wo man sich hineinbegeben konnte, wenn man Lust hatte, wenn es regnete oder wenn einen eine bestimmte Veranstaltung interessierte. Man sollte nicht den Eindruck haben, dass man anders angezogen sein oder sich anders verhalten müsse. Das Ziel war, eine Atmosphäre auszustrahlen, von der man sich angesprochen fühlte und die vermitteln konnte, dass man gerne mit den Leuten in Kontakt kommen würde.»
Wichtiger jedoch als ein Raum sind die Menschen, welche sich im Raum befinden. Anna Hilti ist überzeugt, dass der Erfolg des Modeprojekts Satan takes a holiday zu einem grossen Teil von der Liebe und dem persönlichen Einsatz abhing, mit der jedes einzelne Detail gestaltet wurde. Sie erinnert sich an eine Szene aus dem Projekt: «Wes [ein holländischer Fakir] beispielsweise hat an einem Abend eine Hoodoo-hoodoo-Bar aufgebaut. Wenn man bei ihm einen Drink kaufte, bekam man ausserdem einen unglaublich guten, selbstgebackenen Kuchen, eine Zigarre, einen Hauch billiges Parfum und einen guten Wunsch dazu. Sobald er dann genug Geld eingenommen hatte, um alle Kosten seiner Spezialitäten zu decken, gab er alles, was noch übrig war, gratis. Es war nicht das Ziel, etwas zu verdienen, sondern den Gästen ein besonderes Erlebnis zu bieten und dabei selbst viel Spass zu haben.» Herwig Bauer ist ebenfalls der Meinung, dass auch sehr bekannte Bands immer wieder gerne ans poolbar Festival nach Feldkirch kommen, weil das Festival mit viel Mühe und Aufwand gestaltet wird. Die Bands «haben halt auch mitbekommen, dass wir kein Festival wie hunderttausend andere sind, wo nichts Besonderes passiert und wo man einfach der Band eine Gage bezahlt und dann schaut, dass dies durch die Tickets finanziert wird. Bei uns passiert wesentlich mehr und das kriegen die Bands sofort mit, allein schon wenn sie das Magazin, das Plakat oder die Einrichtung sehen und wenn sie merken, dass da nicht irgendwelche professionellen Veranstalter oder Betreuungsagenturen am Werk sind, sondern dass versucht wird, das Ganze möglichst menschlich anzugehen.» Petra Büchel, Kulturmanagerin, bestätigt, dass es wichtig ist, an kleine Dinge zu denken, die vielleicht im ersten Moment unwichtig erscheinen, die aber wesentlich zu einer speziellen Atmosphäre beitragen: «Es ist wichtig, die Details zu organisieren, darauf zu achten, dass auch die kleinsten Dinge stimmen. Man muss auch an die Blume auf dem Tisch denken, da sie dafür steht, dass der betreffende Anlass etwas Spezielles ist und die Besucher willkommen sind.»