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Einleitung


PROZESSGESTALTUNG

«Im Studium für Prozessgestaltung entwirft und erprobt das Institut HyperWerk Pilotprojekte zum gesellschaftlichen Umbau.»1 Was genau ist jedoch Prozessgestaltung und inwiefern kann Prozessgestaltung überhaupt erlernt werden? Um diesen Fragen auf den Grund zu gehen, wurden innerhalb des Diplomprojekts einhornstrategien verschiedene Prozessgestalter/innen in Bezug auf ihre Strategien, Handlungshintergründe und Visionen befragt. Das Ziel war dabei, die wichtigsten Grundlagen für ein erfolgreiches Gestalten von Prozessen zu definieren. Die entsprechenden Resultate werden in den folgenden Kapiteln vorgestellt.



Inhalt

Das Projekt einhornstrategien basierte auf der Fragestellung, ob sich anhand der Erfahrungen, Arbeitsmethoden und Visionen von Kulturunternehmern/-innen Grundlagen für Prozessgestaltung schaffen und vermitteln lassen.

Prozessgestaltung wird in Anlehnung an die Definition des Instituts HyperWerk als die ganzheitliche, ästhetische und nachhaltige Gestaltung von aktuellen und bevorstehenden Prozessen in einem bestimmten gesellschaftlichen Kontext verstanden. Die hier vorgestellten Grundlagen sind die Momentaufnahme eines Prozesses, der im Jahr 2007 begonnen hat und noch lange nicht abgeschlossen sein wird. Während dieses Buch zum Ziel hat, die im Diplomprojekt ‹einhornstrategien› gewonnenen Erkenntnisse zu verdichten und zur Diskussion anzubieten, wird die Website www.einhornstrategien.com eine Weiterentwicklung des Inhalts und die Dokumentation konkreter Projekte ermöglichen. Der Inhalt dieses Buches setzt sich aus 7 Themenbereichen zusammen, welche als Grundlagen für Prozessgestaltung identifiziert werden konnten. Diese Grundlagen sind vor allem für Menschen relevant, für welche eine ganzheitliche und lustvolle Gestaltung von Prozessen im Vordergrund steht. Sie sollen jedoch nicht nur einen Erfahrungsaustausch ermöglichen, sondern auch andere Menschen dazu verleiten, ihre Ideen weiterzuverfolgen und umzusetzen, auch wenn und gerade weil noch nicht ersichtlich ist, was dabei herauskommen wird.


1. STERNSCHNUPPEN

Wie können Potenziale, welche durch Veränderungen in der Gesellschaft entstehen, erkannt und genutzt werden?

2. FLIEGENFISCHER

Was hindert Prozessgestalter/innen daran, die Motivation in Zeiten der Unsicherheit und Ungewissheit nicht zu verlieren?

3. SPUREN IM SCHNEE

Wie können in der Prozessgestaltun Räume geschaffen werden?

4. LUFTSCHLÖSSER

Was braucht es, um eine vage Vision weiterzuverfolgen?

5. SPIRALEN

Welche Strategien ermöglichen Ergebnisse, welche längerfristig überzeugen?

6. AUF-BRUCH

Wie schafft man es, sich immer wieder neu zu erfinden und nicht im Bestehenden zu verharren?

7. DAS GEWISSE ETWAS

Was macht das gewisse Etwas in der Prozessgestaltung aus?



Recherche

Der Inhalt dieses Buches wurde anhand von 37 einstündigen Interviews mit Menschen aus dem Kulturbereich, 6 Interviews mit Personen aus Wissenschaft, Stiftungen und anderen Unternehmen sowie der Lektüre verschiedener Bücher erarbeitet. Die Interviews fanden in der Schweiz (Basel, St.Gallen, Zürich), Liechtenstein (Eschen, Schaan, Triesen, Vaduz), Deutschland (Berlin, Hildesheim) und Österreich (Feldkirch) statt. Die Auswahl der Personen beruhte auf persönlichem Interesse an ihren Projekten oder Visionen.

Die Kulturunternehmer/innen wurden als Zielgruppe für die Recherche gewählt, da die Vermutung bestand, dass viele von ihnen prozessorientiert arbeiten. Es bestand ausserdem die Hoffnung, dass sie durch konkrete Projektbeispiele dazu beitragen könnten, die Erkenntnisse des Diplomprojekts bildhaft darzustellen. Die Interviews beruhten auf keinem bestimmten Fragebogen und ihre Struktur ergab sich je nach Menschen, Stimmungen und Projekten. Der Grund, nicht nach einem vorgefertigten Schema vorzugehen, war die Überzeugung, dass sich neue Themen und Fragestellungen nur durch eine offene Befragungsmethode ergeben konnten. Hans-Jörg Rheinberger, Direktor für Wissenschaftsgeschichte am Max-Planck-Institut in Berlin, beschreibt die Schwierigkeit, Unbekanntes zu erforschen: «Man kann das Forschen also als eine Suchbewegung charakterisieren, die sich auf der Grenze zwischen dem Wissen und dem Nichtwissen bewegt. Das Grundproblem besteht darin, dass man nicht genau weiss, was man nicht weiss. [...] Es geht letztlich um das Gewinnen von neuen Erkenntnissen; und was wirklich neu ist, ist definitionsgemäss nicht vorhersehbar, es kann also auch nur begrenzt herbeigeführt werden. Was wirklich neu ist, muss sich einstellen und man muss Bedingungen dafür schaffen, dass es sich einstellen kann.»2 Im Projekt einhornstrategien wurden neue Erkenntnisse durch die Interviewsituationen ermöglicht, welche Räume schafften, um auf die Menschen und Situationen einzugehen, abzuschweifen und nachzufragen. Der Entwicklungsprozess war mit einer erheblichen Anzahl an schwarzen Löchern und dunklen Tunnels verbunden, jedoch kristallisierte sich mit der Zeit eine Struktur heraus, innerhalb welcher ein Grossteil der relevanten Aussagen ihren Platz fanden.



Abgrenzung zu Projektmanagement

Obwohl die Arbeitsbereiche Projektmanagement und Prozessgestaltung viele Schnittstellen aufweisen, basieren sie auf sehr unterschiedlichen Philosophien. Im Projektmanagement wird ein genau definiertes Vorhaben so optimal wie möglich innerhalb eines festgelegten Zeitrahmens umgesetzt. In der Prozessgestaltung hingegen geht es darum, durch das Aufwerfen einer Fragestellung einen Prozess zu initiieren und ihn innerhalb der sich verändernden Umstände permanent weiterzuentwickeln und zu gestalten, so dass Unerwartetes und Überraschendes entstehen kann.

Projektmanagement bezeichnet nach Brockhaus «die Gesamtheit der Planungs-, Steuerungs- und Kontrollaktivitäten für zeitlich befristete Vorhaben (z. B. Bau eines Gebäudes, Organisation einer Veranstaltung, Durchführung einer Werbekampagne) mit definierten Qualitätsanforderungen, vorgegebenen Terminen und limitierten Kosten.»3. Im Projektmanagement können Ganzheitlichkeit, Ästhetik und Nachhaltigkeit eine Rolle spielen, müssen aber nicht. Ein Projektmanager agiert aus einer relativ neutralen Position heraus, indem er Werkzeuge und Techniken bestmöglichst anwendet, um ein vorgegebenes Ziel zu erreichen. Prozessgestalter/innen hingegen initiieren, begleiten und gestalten Prozesse, welche im besten Fall auf einer Vision, nicht jedoch auf einem vordefinierten Ergebnis beruhen. Sie sind stets persönlich in die Prozesse involviert und gestalten sie in sich wandelnden Gegebenheiten nach ästhetischen, ganzheitlichen und nachhaltigen Kriterien. Sowenig also Projekte mit Prozessen gleichzusetzen sind, ist Management mit Gestaltung vergleichbar. Projektmanagement und Prozessgestaltung sind sehr unterschiedliche Arbeitsbereiche, jedoch ist es durchaus möglich, dass Prozessgestalter/innen auch Projekte managen und dass Projektmanager/innen auch Prozesse gestalten.


1 Institut Hyperwerk HGK FHNW. <http://www.fhnw.ch/hgk/ihw> (28.03.09).

2 Rheinberger, Hans-Jörg: «Man weiss nicht genau, was man nicht weiss», Neue Zürcher Zeitung (NZZ), 5./6.5.2007, S. B3

3 Der Brockhaus Wirtschaft. Leipzig, Mannheim: Brockhaus 2004.